Baerbock oder Habeck? – Ganz klare Antwort: Özdemir!

Cem Özdemir – Aufnahme vom politischen Ascherdonnerstag 2019 in Oberwerrn

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das bei uns Grünen auch noch drei Wochen nach der Wahl mit großer Leidenschaft diskutiert wird. Wer wäre die richtige Kanzlerkandidat:in gewesen? Bzw. jetzt wer ist die optimale Besetzung für den Vize-Kanzler:innenposten im Kabinett Scholz? Ich gehe jetzt mal davon aus, dass die Ampel kommt – vier weitere Jahre mit einer völlig inhaltsentleerten und nur vom Machterhalt getriebenen Union, dass kann keiner der anderen Parteien wirklich wollen.

Schon sehr früh hat sich abgezeichnet, dass es entweder „der Robert“ oder „die Annalena“ machen würde. Sicher könnte an dieser Stelle darüber gestritten werden, ob es nicht dem Prinzip der Basisdemokratie zu wieder läuft, wenn die beiden Vorsitzenden, die Kür des Kanzlerkandidaten quasi unter sich ausmachen.

Da professionelle Politik aber nun mal nach gewissen (Macht-) Mechanismen funktioniert, verzichte ich hier wohlwollend auf die längliche Diskussion, inwieweit wir Grünen uns mit der Kür unserer Kanzlerkandidatin nun endgültig von unseren hochheiligen basisdemokratischen Grundsätzen verabschiedet haben und behaupte lediglich, dass die Union, hätte Sie in einer Mitgliederbefragung, herausgefunden, dass Friedrich Merz, als Held der schweigenden Mehrheit, unerschütterlicher Fürsprecher der gehobenen Mittelschicht und Verteidiger der abendländischen Werte sowie des bürgerlichen Anstandes schlechthin, der natürliche, quasi gottgegebene Kanzlerkandidat gewesen wäre, heute auch nicht viel besser da stünde.

Baerbock und Habeck: Versuch eines Vergleichs

Also nun: Betrachten wir zunächst einmal Baerbock, dann Habeck, gleich mit dem Hinweis vorausgeschickt, dass meine Wahrnehmung der Beiden natürlich auch zum großen Teil durch die Medien geprägt ist – zu einem kleineren Teil wohl auch durch parteiinterne Diskussionen – ich aber mich weder mit der Einen noch dem Anderen so ausführlich beschäftigt habe, dass ich sagen könnte, ich kenne die (öffentliche) Person jetzt wirklich richtig gut, ich habe von und über die Person so ziemlich alles relevante gelesen, ich weiß jeden einzelnen politischen Standpunkt, jedes biographische Detail von ihr bzw. ihm. Eine solch tiefgehende Kenntnis ist aber an dieser Stelle auch gar nicht nötig, da ein:e Kanzlerkandidat:in auch und vor allem diejenigen überzeugen muss, die nicht die Zeit oder die Lust haben sich stundenlang mit Politikerbiographien zu beschäftigen, die das politische Geschehen oft nur im Vorübergehen und am Rande verfolgen oder überhaupt wahrnehmen. Was mag also von deren Warte aus ausfallen? Was mag der:die durchschnittlich politisch interessierte Bürger:in wahrnehmen?

Zunächst einmal Baerbock: Frau, im Gegensatz zur Merkel auch Mutter von zwei Kindern, zwar im Westen aufgewachsen, aber im „Osten“ als ehemalige Landesvorsitzende der brandenburgischen Grünen zumindest halbwegs sozialisiert, in ihrer Kindheit und Jugend Leistungssportlerin im Trampolinspringen. Auf der anderen Seite Habeck, promovierter Germanist und Philosoph, Vater von vier Kindern, (vor allem für Grüne Verhältnisse) sehr spät in die Politik eingestiegen, dann aber als Senkrechtstarter nach nur zwei Jahren Mitgliedschaft Landevorsitzender geworden, vorläufiger Karrierehöhepunkt 2012 als Superminister für Umwelt- und Landwirtschaft sowie stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Hollstein.

Mehr Gemeinsamkeiten als gedacht

Es fällt auf, dass die Lebensläufe im Detail zwar doch sehr unterschiedlich sind, aber dass die Sozialisation sich doch gleicht. Habeck, so erfahren wir etwa bei Schulte ist Spross einer Apothekerfamilie, Baerbock, so hat es die Welt herausgefunden, ist Tochter eines Automobilmanagers. Beide haben geisteswissenschaftliche Fächer studiert, die jetzt nicht unbedingt auf ein klares Berufsziel vorbereiten; dies kann und wird den Beiden – wie ich meine zu Unrecht – in gewissen Kreisen als Malus angerechnet („wohlstandsverwöhnte Akademikerkinder mit schöngeistigem Schwaffelstudium“), wobei Habecks Lebenslauf (abgeschlossene Promotion und als Buch veröffentlichte Magisterarbeit) doch deutlich imposanter anmutet als der von Baerbock. Die ungeschickte Darstellung von Baerbocks Vita wurde natürlich von interessierten Kreisen mit großem Genuss ausgenutzt, um die Grünen als Blender:innen, Luftnummern und der gleichen mehr dastehen zu lassen.

Habecks Lebenslauf hätte sicher mehr hergegeben – wäre er deshalb der Bessere gewesen?

Wahrscheinlich war die grüne Kampagne – böse formuliert – schon etwas der Versuchung erlegen, Baerbocks Leistungen größer aussehen zu lassen, als es der Realität entspricht. Aus Habecks Lebenslauf (abgeschlossene Dissertation, freiberufliche Autorentätigkeit, diverse belletristische und geisteswissenschaftliche Publikationen) hätte man sicher mehr rausholen können. Wäre Habeck deshalb der bessere Kandidat gewesen? Wohl kaum. Zwar kenne ich einige Grüne, die ob Habecks staatsphilosophischer, mit wohlgesetzten Metaphern gespickten Ausführungen vor Entzückung fast in Ohnmacht fallen und ja, wenn ich mir seine Reden anhöre, in denen er davon spricht „aus Hoffnung Wirklichkeit machen zu wollen“ oder eine „Politik der Ermöglichungen“ betreiben zu wollen, dann hat das schon etwas sehr staatstragendes, das auch mich emotional ergreift. Doch es gibt eben auch den „anderen“ Habeck. Der Habeck, der im ARD – Interview anfängt über die Pendlerpauschale zu reden und dann selbst, auf Rückfrage des Moderators zugeben muss, dass er nicht so wirklich weiß, wie die Pendlerpauschale funktioniert. Der Habeck der sein Social-Media Auftritte löscht, nachdem er dort -salopp gesagt- mehrmals groben Unsinn verzapft hat.

Das Problem mit dem Bild von den ahnungslosen Wohlstandsgrünen

Sicher ein:e Politiker:in kann nicht immer alles wissen. Fehlinformationen und Wissenslücken, sprachliche Entgleisungen, all das gehört zum Business dazu. Wer von Berufswegen quasi immer zu allem eine Meinung und für jedes Problem eine Lösung haben muss, ist zwangsläufig dazu verurteilt Fehler zumachen. Allerdings ist der Eindruck des schöngeistigen Philosophen, der zwar mit viel Verve und rhetorischer Exzellenz große intellektuelle Visionen von Staat und Gesellschaft formuliert, aber vom Klein-Klein des alltäglichen Politbetriebs und den Sorgen der sogenannten „einfachen Leute“ eher weniger Ahnung hat, bei Habeck nicht leicht zu beseitigen. So kam es dann etwa auch, dass der eigentlich gut gemeinte und vom Grundsatz her durchaus sinnvolle Vorschlag von Habeck Gastronom:innen während der Pandemie dabei zu unterstützen ihre Betriebe ökologisch zu modernisieren, als weltfremd, gar unverschämt gegenüber den teilweise um ihre Existenz bangenden Wirt:innen von den politischen Mitbewerbern abgetan wurde. Unterm Strich bestärken also sowohl Habeck, als auch Baerbock mit ihren Lebensläufen, aber auch mit so manchen Äußerungen, dass Bild der bestens saturierten Wohlstandsgrünen, die zwar viel guten Willen und hohe moralische Ansprüche, aber nicht wirklich Ahnung vom „harten Leben“ haben, mehr als das sie es widerlegen.

Wen gäbe es dennoch der bei den Grünen Kanzler:in könnte?

Wenn also sowohl Baerbock, als auch Habeck Schwachpunkte haben, die sie für viele Menschen außerhalb der grünen Kernklientel unsympathisch, gar unwählbar machen, wen also her nehmen? Um ehrlich zu sein gibt es gar nicht so viele Leute, die für den Job des Kanzlerkandidaten oder jetzt eben nur des Vizekanzlers / der Vizekanzlerin in Frage kommen. Kretschmann zu alt, Toni Hofreiter – zwar ohne Zweifel sehr klug und kompetent – aber eben auch ein wenig kauziger Waldschrat, Claudia Roth – etwas arg nah am Wasser gebaut und ohne abgeschlossenes Studium wohl auch nicht überzeugend – Kathrin Göhring-Eckhart zumindest was die Ausbildung anbelangt das gleiche Problem. Andere KandidatInnen, die durchaus fähig wären, etwa Ska Keller oder Konstantin von Notz, sind wohl zu unbekannt und noch nicht lange genug dabei.

Einer der heraussticht – CEM ÖZDEMIR

Also nun zu dem, der keineswegs die durch das Ausschlussprinzip übriggebliebene Notlösung ist, sondern durch seine Persönlichkeit – zumindest in meiner Wahrnehmung – so heraussticht, dass alle anderen in Frage kommenden KandidatInnen verblassen: CEM ÖZDEMIR. Natürlich wäre es falsch, einen Politiker jetzt nur auf seine Biographie reduzieren zu wollen, aber wie so oft ist eben die eigene Lebensgeschichte der Grund, auf dem sich auch in der Politik so vieles aufbaut und da fällt eben auf, dass Özdemir sich ganz entscheidend von allen anderen KandidatInnen abhebt. Er stammt, wie man so schön sagt, „aus einfachen Verhältnissen“, statt frischem Obst vom Biobauern und Klavierunterricht gab es in der Kindheit Süßigkeiten und Fernsehkonsum satt (vgl. Facebookpost vom 6.August 2021), das Sozialpädagogikstudium erfolgte auf dem zweiten Bildungsweg und wurde, so lässt es die Biographie vermuten, größtenteils über eigene Arbeit selbst finanziert. Wer es als Einwandererkind aus diesen Verhältnissen in den 90er Jahren in den Bundestag geschafft hat, der hat ohne Zweifel einiges auf dem Kasten.

Zwei wichtige Eigenschaften – Bodenhaftung und geistige Unabhängigkeit

Dennoch ist Özdemir nicht, wie so viele andere Politiker:innen, die es von ganz unten nach ganz oben geschafft haben, als streberhafter Snob (Philipp Amthor) oder großkotziger Angeber (Gerhard Schröder) geendet, sondern standhaft und fest auf dem Boden geblieben. Obwohl Migrant, mit Vielfaltsaspekt und Diskriminierungserfahrungen, wie es heutzutage so schön heißt, lässt er sich nicht auf diese Rolle reduzieren, sondern hatte ganz im Gegenteil immer schon den Mut zu Kritik an der eigenen Peergroup. So ergibt sich nicht nur das Bild eines Musterbeispiels für gelungene Integration schlechthin, sondern auch das Bild eines unabhängigen Kopfes, der auch in der Lage ist, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und wenn nötig abweichende Positionen zu vertreten. Als Beispiel sei hier nur an die eigentlich banale Feststellung aus dem Jahr 2014 erinnert, dass die Kurden den IS „nicht mit der Yogamatte unter dem Arm besiegen könnten, sondern Bombardements auf IS – Stellungen nötig wären“. Man mag zum Einsatz militärischer Gewalt stehen wie man will – Ich selbst bin, um ehrlich zu sein, da äußerst indifferent – aber das ist eine klare und präzise Aussage, die ein Politiker in verantwortlicher Position wohl gelegentlich auch so pointiert und zugespitzt treffen muss, gerade auf die Gefahr hin sich in den eigenen Reihen unbeliebt zu machen.
Ich selbst hatte zweimal, die Ehre Özdemir live erleben zu dürfen, einmal beim Besuch der Abtei Münsterschwarzach im Wahlkampf 2017 und beim politischen Ascherdonnerstag in Oberwerrn 2019.

Habeck spricht zur grünen Klientel, Özdemir zum ganzen Land

Es hat mich beides mal sehr beeindruckt. Gerade wenn ich an die Ascherdonnerstagsrede in Oberwerrn denke und sie mit den Reden von Habeck vergleiche, die ich mir heute zur Vorbereitung dieses Blogs angehört habe, möchte ich fast etwas ketzerisch formulieren: Habeck spricht zur grünen Klientel, Özdemir zum ganzen Land (Nur der formhalber sei hier auch auf das beeindruckende Erststimmenergebnis von Özdemir im Bundestagswahlkreis Stuttgart I verwiesen). Nun soll dieser Blog aber nicht in der absoluten Lobhudelei gegenüber Özdemir und dem Schlechtreden von Habeck und Baerbock enden. Beide haben sicherlich auch ihre Qualitäten und sprechen wichtige Gruppen von Menschen an, die Özdemir wahrscheinlich nicht ganz so gut erreicht. Dennoch: Özdemir ist für mich momentan die ganz klare Nummer eins und wir Grünen wären gut beraten noch mehr zu tun, dass es Typen wie Özdemir aus einfachen Verhältnissen ganz nach oben schaffen!

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