
Heute war ich auf der Gedenkveranstaltung meiner Heimatgemeinde zum Volkstrauertag. Um ehrlich zu sein, war meine Motivation dort hinzugehen hauptsächlich der Gedanke „es wäre gut, wenn da von den Grünen auch einer dabei sein würde“ und tatsächlich war ich auch der einzige Grüne.
Vor zwei Jahren als ich noch im VdK-Vorstand war, war ich auch dort und ich glaube einige Jahre zuvor auch schonmal, damals aus reiner jugendlicher Neugierde.
Was ich jedes Mal leicht erschreckt feststelle: Die Welt des Krieges und des Militärs ist mir sehr fremd! Es ist etwas, dass ich – wie die meisten Menschen hier in Mitteleuropa – im Alltag gern verdränge und wenn ich dann mal darüber nachdenke, erwische ich mich oft dabei in böse Vorurteile über Soldat:innen zu verfallen.
Während meines Studiums an der Beamtenfachhochschule hatte ich viele Kommilitonen (ausschließlich Männer), die vorher als Zeitsoldaten acht oder zwölf Jahre gedient haben. Auch wenn das alles sehr unterschiedliche Charaktere waren – manche waren recht cool drauf, andere wiederum waren absolut nicht mein Fall – eines hatten alle gemeinsam: Sie waren ernster, fokussierter und – vermutlich deshalb – im Allgemeinen und von Ausnahmen abgesehen, auch erfolgreicher als viele andere im Studium. Wahrscheinlich genügt allein schon die ständige Präsenz von tödlichen Waffen und gefährlicher Munition verbunden mit dem Drill der Ausbildung, um eine gewisse Unbekümmertheit und kindliche Naivität, die vielen jungen Leuten (auch mir!) heutzutage sehr lange anhaftet, zu verlieren.
Noch viel einschneidender für das emotionale Erleben ist natürlich der Kriegseinsatz mit all seiner Brutalität, seiner Unbarmherzigkeit und dem Leid für alle Beteiligten.
Für Deutschland sind – Stand Oktober 2021 – 3100 Soldat:innen in zehn militärischen Einsätzen aktiv. Nur am Rande und der Vollständigkeit halber bemerkt: Viele dieser Einsätze wurden auch durch grüne Bundestagsabgeordnete gebilligt; weshalb wir Grünen selbstverständlich keine pazifistische Partei mehr sind!
Natürlich stellt sich bei jedem dieser Einsätze die Frage nach dem Sinn, nach der Verhältnismäßigkeit und der Vertretbarkeit. Ich kann und will diese Frage hier nicht beantworten.
Selbstverständlich ist Krieg und militärische Gewalt immer schlecht, genauso wie häusliche Gewalt, Mobbing in der Schule, bzw. am Arbeitsplatz oder Streit in der Nachbarschaft immer schlecht ist.
Fakt ist aber nun mal, militärische Auseinandersetzungen finden statt. Sie finden statt zwischen Nationen (Irakkrieg), einzelnen Volksgruppen (Balkankrieg) oder Terrorgruppen und (halbzerfallenen) Staaten (Syrien, Mali).
Auch im scheinbar so glücklichen und sicheren Europa ist der Frieden nicht auf ewig garantiert. Dazu muss man nicht mal an die Außengrenzen -etwa auf das perverse und menschenverachtende Spiel mit Geflüchteten in Belarus- schauen, es genügt ein Blick ins Innere: Der Nordirlandkonflikt liegt erst wenige Jahre zurück und in Spanien gipfelte 2017 die Separationsbestrebungen der Katalonier in einem Haftbefehl gegen den flüchtigen Regionalpräsidenten.
Worauf ich hinaus will: Der Friede, denn ich hier erleben darf, ist keineswegs selbstverständlich. Dass unser Staat funktioniert, es keine (systematisch) Gewalt gegen Minderheiten gibt, die öffentliche Sicherheit und Ordnung auch in Krisenzeiten, wie der Corona-Pandemie gewährleistet ist, das kann ich gar nicht hoch genug schätzen.
Allein um dies sich wieder einmal bewusst zu machen, hat sich der Besuch der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag dann doch gelohnt und war mehr als nur eine lästige Pflichtübung.