Es ist das Thema, an dem dieser Tage niemand vorbeikommt. Wie weiter umgehen mit Corona?
Die Antwort scheint denkbar simpel: Impfen!
Eine jüngst im Spiegel zitierte Studie zeigt, dass das Risiko ohne Impfung im Falle einer Covid-19 Infektion sich einer intensivpflichtigen Behandlung unterziehen zu müssen je nach Altersgruppe um das 15 bis 60 (!) – fache erhöht ist. Schon Anfang November berichtete die Zeit, dass die Mehrzahl der Impfdurchbrüche (also Infektionen trotz Impfungen) asymptomatisch verlaufen und dass, das Risiko für Ungeimpfte an einer Covid-Infektion zu versterben 32 mal höher sei.
Sicherlich sind solche Studien immer mit gewissen methodischen und statistischen Ungenauigkeiten behaftet. Doch darum geht es hier nicht; auch wenn „Kritiker:innen“ jeglicher Schattierungen schon seit Beginn der Pandemie einen unglaublichen Ehrgeiz darin zeigen, sämtliche statistischen Kenngrößen von der Inzidenz, über die Zahl der freien Intensivbetten, bis jetzt eben zur den Impfstatistiken zu falsifizieren: Die Tatsache, dass die Impfung vor einem schweren Verlauf mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schützt, lässt sich nicht wiederlegen und es ist dann letztlich auch unerheblich, ob das Risiko für eine intensivpflichtige Behandlung bei einer Impfung um den Faktor 20 oder den Faktor 30 sinkt, da keine wirklichen Argumente gegen die Impfung ersichtlich sind. Es kommt zwar zu den üblichen Impfreaktionen (der Autor dieser Zeilen hat sie selbst erlebt und war ein Tag lang „flach gelegen“) das Risiko für ernsthafte, aber in aller Regel nicht lebensgefährlichen Komplikationen, wie Thrombosen bewegt sich im Promilebereich und ist somit deutlich geringer, als die Risiken die mit einer ungeschützten Infektion einhergehen.
Dennoch ist eine allgemeine Impfpflicht mit erheblichen Herausforderungen, Risiken und Nebenwirkungen verbunden, als da wären:
- Die praktische Umsetzbarkeit: Alle Bundesbürger:innen (wahrscheinlich sogar alle dauerhaft hier in Deutschland lebenden Menschen, also Asylsuchende, Saisonarbeiter etc.) müssten systematisch bzgl. ihres Impfstatus erfasst werden. „Impfverweiger:innen“ müssten mit Ordnungsgeldern belegt werden. Da sich viele von diesen weigern werden, diese Gelder zu bezahlen, müssten weitere Maßnahmen (Zwangsvollstreckung, Ordnungshaft etc.) in großem Umfang durchgeführt werden.
- Grundrechtsdogmatische Überlegungen: An dieser Stelle kenne ich mich zu wenig aus, um hierzu fundierte Ausführungen tätigen zu können. Es ist aber auch für den Laien ersichtlich, dass ein schwerer Eingriff in die körperliche Unversehrtheit (Art.2 II Satz 1 GG) stattfindet, für den es eine sehr gute Begründung hinsichtlich seiner Verhältnismäßigkeit bedarf.
- Glaubwürdigkeitsverlust der Politik: Das für mich stärkste Argument gegen eine allgemeine Impfpflicht ist jedoch der massive Glaubwürdigkeitsverlust der Politik. Monatelang wurde eine allgemeine Impfpflicht kategorisch ausgeschlossen. Der Bundestagswahlkampf war geradezu geprägt davon, dass alle Parteien des demokratischen Spektrums eine Impfpflicht verneint haben, die (aus meiner Sicht) Extremist:innen von der AfD und andere Wirrköpfe, wie „DIE BASIS“, hingegen immer wieder eine kommende Zwangsimpfung prophezeit haben. Der Gesichtsverlust der demokratischen Parteien wäre also sehr groß; Das immer wieder hilflos vorgetragene Argument „Es hat halt mit Aufklärung und der Hoffnung auf die Vernunft der Leute nicht funktioniert“ mutet geradezu wie eine politische Bankrotterklärung an.
Was also tun? Fakt ist, würden alle Schutzmaßnahmen aufgehoben werden, würde eine zügige Durchseuchung der Bevölkerung stattfinden. Im Zuge dessen würden sich die Intensivstationen, auf denen – Stand 31.Dezember 2021 – über 3900 an Covid-19 erkrankte Patient:innen liegen, rasch weiter füllen. Es würde zu einer erneuten starken Belastung, wahrscheinlich sogar zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommen.
Gleichzeitig erscheint es wenig befriedigend, das Infektionsgeschehen immer wieder durch das Herunterfahren des öffentlichen Lebens und allgemeine Kontaktbeschränkungen (Lockdown) auszubremsen. Nicht nur die jetzt schon immensen wirtschaftlichen Schäden würden weiter steigen, sondern auch die sozialen Schäden (Unterrichtsausfall an Schulen und dadurch weitere Verfestigung sozialer Ungleichheit; Vereinsamung von Personen, die schon vor der Pandemie nicht auf der „Sonnenseite des Lebens“ standen) würden immer schwerer zu ertragen werden.
Die Aussicht auf immer wiederkehrende Lockdowns ist also ebenfalls unbefriedigend und wird ebenso, wie die jetzt angedachte Impfpflicht zur massiven, lautstarken und in Teilen sogar gewalttätigen Protesten führen (wobei die Schnittmenge derer, die sowohl gegen den Lockdown, als auch gegen die Impfpflicht sind, sehr groß sein dürfte).
Genau an dieser Stelle, muss meines Erachtens die Frage diskutiert werden (dürfen), inwieweit es legitim ist, Ungeimpfte in bestimmten Situationen von gewissen intensivmedizinischen Behandlungen auszuschließen.
Diese Frage baut auf folgende zwei Prämissen auf, die ich hier explizit als gegeben voraussetze:
- Die ganzen Coronaschutzmaßnahmen wurden und werden getroffen, um zu verhindern, dass Leute lebensgefährlich erkranken und intensivmedizinisch behandelt werden müssen und / oder versterben.
- Die Coronaschutzimpfungen reduzieren das Risiko lebensgefährlich zu erkranken drastisch.
Das Problem ist also gemäß dieser Prämissen nicht die Infektion an sich, sondern eben, dass ein zu großer Anteil der Infizierten intensivmedizinisch behandelt werden muss. Wenn jetzt die Impfung das Risiko einer intensivmedizinischen Behandlung etwa auf das Niveau einer normalen Grippe sinkt[1], dann würden sich daraus wiederum folgende zwei Konsequenzen ergeben:
- Das Gesundheitssystem wäre mit den zu erwartenden Impfdurchbrüchen immer noch stark belastet (wie in einer normalen Grippewelle auch), aber eben nicht überlastet.
- Das Risiko an einer Covid19 – Infektion zu versterben, wäre so gering, dass es dem allgemeinen Lebensrisiko zugerechnet werden könnte[2] und die Schutzmaßnahmen von Maske über Abstandsgebot bis hin zur Kontaktbeschränkungen obsolet würden.
Für die hier diskutierte Fragestellung, ob es legitim sein könnte, ungeimpfte im Falle einer Covid 19 – Infektion von gewissen medizinischen Maßnahmen auszuschließen, lohnt sich ein kleines Gedankenexperiment: Angenommen alle Ungeimpften hätten schon eine Patientenverfügung die intensivmedizinische Maßnahmen ausschließt, würde sich folgende Situation ergeben:
Das Gesundheitssystem wäre immer noch zumindest belastet, wahrscheinlich sogar überlastet. ABER die besonders knappen intensivmedizinischen Ressourcen, würden nicht mehr durch ungeimpfte Covid19 – Patient:innen in Anspruch genommen werden, da diese auf Normalstation entweder gesunden oder (mit entsprechender palliativer Sedierung) versterben würden. Andere Patientengruppen (Schlaganfall, Krebs etc.) die dringend auf intensivmedizinische Behandlung angewiesen wären, müssten also keine Nachteile mehr fürchten, da die Intensivstationen nicht mehr mit Covid19-Patienten überfüllt wären[3]. Da in diesem Szenario, die nicht geimpften Covid-19 – Patient:innen alle freiwillig auf eine intensivmedizinische Behandlung verzichten würden, würden sich ethische Fragen, ob man diesen Patient:innen nicht doch hätte helfen müssen und sie intubieren müssen, nicht stellen. Der einmal klar verfügte Patientenwille ist zu beachten. Egal wie schwer, dieser für Außenstehende auch sein mag.
Die Ungeimpften haben dabei den Rückhalt der „Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin“, die ganz klar sagt, dass der Impfstatus genauso wie andere selbstverschuldete Risikofaktoren (Rauchen, Alkohol etc.) keine Rolle bei der Entscheidung zu spielen hat, wer welche knappen Behandlungsressourcen bekommt. Alleiniges Entscheidungskriterium ist die, natürlich nie ganz objektiv messbare, Überlebenswahrscheinlichkeit.
Dafür gibt es sicher viele gute Argumente, allein schon aus der deutschen Geschichte heraus. Ein Leben (aufgrund von eigenem „Fehlverhalten“) als weniger lebenswert zu betrachten, ist aus sehr guten Gründen hierzulande verpönt. Wahrscheinlich sind es sogar Extremfälle, von an Corona erkrankten Impfgegner:innen, die noch im Krankenhaus die Gefährlichkeit des Virus leugnen, die dazu führen, dass der Impfstatus bei sogenannten Triage – Entscheidung nicht berücksichtigt wird, würde eine Berücksichtigung des Impfstatus doch allzu sehr nach Strafe oder sogar Rache schmecken.
Jedoch ist auch zu konstatieren, dass die Entscheidung sich nicht Impfen zu lassen nicht recht mit anderem gesundheitsgefährdenden Verhalten vergleichbar ist. Rauchen oder Alkoholkonsum sind Abhängigkeitserkrankungen, die sich oft durch jugendliches Ausprobieren oder in Krisensituationen über lange Zeit einschleichen. Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung ist dagegen eine sehr bewusste Entscheidung. Gerade die richtigen Impfgegner treffen diese eben nicht aus einer Laune heraus und sind voll überzeugt das Richtige zu tun.
An dieser Stelle tritt eine gerade im rechtskonservativen Teil des politischen Spektrums zu bemerkente Unstimmigkeit zu Tage: Während überall von mehr Eigenverantwortung geredet wird, die Risiken bei schwierigen und weitreichenden Lebensentscheidungen, etwa bei der Altersvorsorge, bei der Ausbildung, bei der Wohnraumbeschaffung, immer mehr beim Einzelnen abgeladen werden sollen, soll ausgerechnet beim Impfen das Vollkaskoprinzip auf Kosten aller gelten?
Die Rechtswissenschaftlerin Tatjana Hörnle hat in einem sehr guten und auch für den Laien verständlichen Aufsatz dargestellt, dass es sehr wohl (auch aus juristischer) Sicht gute Argumente gibt den Impfstatus bei einer Triage-Entscheidung zu berücksichtigen.
Sehr eingängig ist dabei, dass von ihr verwendete Bild des Geisterfahrers, der eine Massenkarambolage verursacht. Dieser würde, wenn die Kapazitätsgrenzen durch die anderen Unfallopfer erreicht werden, auch nachrangig versorgt werden. Hörnle geht auch auf die engen Grenzen einer Not-, bzw. Triagesituation einen, unter denen eine solche Entscheidung überhaupt zulässig ist.
Darf man nun ungeimpften Covid – 19 Patient:innen unter bestimmten, genau definierten Umständen eine intensivmedizinische Behandlung verweigern? – Ich will darüber kein Urteil fällen, dass wäre aufgrund meiner fehlenden Kompetenz anmaßend und lächerlich zu gleich.
Jedoch meine ich, dass die Debatte darüber geführt werden muss. Covid-19 ist eine Extremsituation[4] in der reine Gesinnungsethik höchstwahrscheinlich scheitern wird.
Ich persönlich könnte mir gut vorstellen, dass die Möglichkeit, sich mit einer verbindlichen Patientenverfügung, die intensivmedizinische Maßnahmen im Falle eine Covid-19 Infektion ausschließt, von der Impfpflicht befreien zulassen, den*die ein oder andere Impfgegner:in doch besänftigen würde und der Bewegung im Allgemeinen den „Wind aus den Segeln“ nehmen würde.
Es bleibt abzuwarten, was das neue Jahr in Sachen Corona bringen wird und wie sich die Politik positionieren wird. Klar ist leider auch, es wird nicht ohne Frust, Wut und Schmerz ablaufen.
[4] vergleichbar mit der Flüchtlingskrise
[1] Das kann ich als Laie natürlich nicht beurteilen, aber es spricht, wenn man*frau die allgemeine Nachrichtenlage verfolgt viel dafür, dass dem so ist, bzw. dass eine Covid19-Infektion mit vollem Impfschutz vielleicht sogar noch ungefährlicher wie so manche Grippewelle ist-
[2] Evtl. wären noch Schutzmaßnahmen für ein kleinere Gruppe von vulnerablen Hochrisikopatient:innen zu treffen (z.B. Zugang zur Pflegeheimen nur mit Tests)
[3] Grundannahme auch hier, dass die Zahl der intensivpflichtigen Impfdurchbrüche sehr gering ist.