Einige Gedanken anlässlich meines 30. Geburtstags

Heute, an diesem leicht verregneten März – Montag, ist es dreißig Jahre her, dass ich im Schweinfurter Sankt Josefs Krankenhaus das Licht der Welt erblickt habe. Ich habe mir deshalb heute und die letzte halbe Woche von der Arbeit freigenommen um zu tun, was ich gerne tue: mit meinem Rad durchs Frankenland fahren und meine Gedanken mit der Welt teilen (auch wenn die Zahl derer dies interessiert marginal sein mag).

Wohin wird der Weg mich führen?

Geburtstage sind, wie alle anderen Jubiläen eigentlich auch, nun mal verdammt gute Gelegenheiten sentimental zu werden. Man blickt zurück, ordnet ein, bewertet, sortiert aus. Ich will mich dabei im Wesentlichen auf die letzten zehn Jahre, die Zeit von 2012 bis 2022, beschränken.

Ein bisschen Privates

Obwohl es auch in diesem Blogbeitrag hauptsächlich um Politisches / „Gesellschaftskritisches“ gehen soll, will ich bei dieser Gelegenheit das Private nicht gänzlich aussenvor lassen, wohl wissend, dass die Preisgabe vom Privaten in der unkontrollierbaren Öffentlichkeit des Internets, mit zahlreichen Risiken, von der Auslösung des Fremdschämreflexes beim Publikum, über narzisstische Eitelkeiten bei sich selbst, bis hin zu handfesten Nachteilen im Berufsleben, verbunden sein kann.

Beim Blick aufs Private ist sicher meine im November 2012 festgestellte Diabeteserkrankung das einschneidendste Erlebnis meines letzten Lebensjahrzehnts. Auch wenn ich dank gentechnisch hergestellter Insuline (kleiner kritischer Seitenhieb an meine Partei) und Glucosesensoren sehr gut mit dieser Krankheit umgehen kann, war und ist es immer noch ein Schock, die eigene Verletzlichkeit so krass und unmittelbar zu erfahren.

Ohne Insulin würde ich innerhalb einiger Tage versterben.

Auch sonst wurde meine jugendliche Unbekümmertheit, die an vielen Stellen sicherlich auch mit ordentlich viel Naivität und Eitelkeit durchwoben war, hart geschliffen. Ich verzichte hier an dieser Stelle bewusst darauf einzelne Erlebnisse aufzuzählen, stelle aber ernüchternd fest, dass meine Behinderung in vielen Situationen eine doch viel größere und entscheidendere Rolle spielt, als ich mir das als Jugendlicher so gedacht habe. Ich merkte dies in etwa bei der Jobsuche oder zuletzt noch viel stärker bei der Suche nach einem WG – Zimmer.

Letztendlich habe ich aber dann doch einen (guten) Job gefunden und auch mit der Wohnungssuche zeichnet sich nach längerem, zum Teil sehr frustrierendem Bemühen, eine für mich passende Lösung ab.

Ich möchte hier auch nicht in eine Anklage über die böse Gesellschaft verfallen. Es gibt genug Erfahrungsberichte, Bücher und Blogs, die in unterschiedlichsten Tonlagen – von verbitternd anklagend bis hinzu ironisch aufgelockert, über alle möglichen Arten von Einschränkungen und behinderungsbedingten Diskriminierungserfahrungen berichten.

Hier genügt die Feststellung, dass das Leben und die Welt doch eben oft komplexer, mühsamer und anstrengender sind, als dass man (oder frau) sich das mit neunzehn oder zwanzig so vorstellt. (An dieser Stelle gehe ich davon aus, dass diese Erkenntnis vielen Menschen im Laufe ihres Lebens zuteilwird und es sich keineswegs um eine Exklusiverfahrung handelt.)

Politik

Das unangenehme Erwachen aus sicher geglaubten Gewissheiten, der stechende Schmerz einer plötzlichen Verletzung, das Bloßlegen einer offenen Wunde, all das kennzeichnet auch das gesellschaftliche und politische Geschehen der letzten Jahre.

Der brutale Krieg in der Ukraine scheint hier lediglich ein weiterer Tiefpunkt, in einer ganzen Reihe von erschütternden Rückschlägen der menschlichen Geschichte zu sein.

Ich bin nicht einmal drei Jahre nach dem Fall der Mauer und des eisernen Vorhangs geboren, Francis Fukuyama sah das Ende der Geschichte kommen (Ich habe das Buch nicht gelesen, aber in der Schule davon gehört).

Mein politisches Bewusstsein setzt mit dem 11.September 2001 ein, als zwei Flugzeuge in – mir als Neunjährigen damals natürlich noch völlig unbekannte – Wolkenkratzer stürzten. Das war ohne Frage schrecklich, aber vor allen Dingen war es weit weg. Auch die Kriege in Afghanistan und dem Irak waren weit weg, obwohl mein Onkel zu der Zeit noch aktiver Berufsoffizier war.

Jedoch waren es nicht nur die ganz existentiellen Ereignisse, bei denen es um Leben oder Tod, Krieg oder Frieden ging, bei denen die Gesellschaft und ich gutgläubig bis naiv waren.

Ich erinnere mich noch gut, wie mein Geschichtslehrer in der Oberstufe etwas davon erzählt hat, das 10-15 % der Deutschen ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild hätten. Obwohl ich damals noch viel radikaler und weiter linksstehender in meinen Ansichten war, hielt ich das für stark übertrieben. Heute – eine gute Dekade später – ist es eine traurige Selbstverständlichkeit, das mit der AfD eine in großen Teilen offen rechtsextreme Partei Wahlergebnisse in der Größenordnung von 10% – in den ostdeutschen Ländern von 20 % – einfährt.

Auch andere Dinge, von denen immer mal gewarnt wurde, die aber gedanklich soweit weg waren, dass sich damit nur ein paar Expert:innen beschäftigt haben, sind mit voller Wucht eingeschlagen.

Das Beispiel par excellence ist natürlich die Corona – Pandemie.  Wer hätte sich schon vorstellen können, dass das Anlegen der FFP2-Maske einmal so selbstverständlich wird wie das Schnürsenkel binden? Und wer hat vor drei Jahren überhaupt gewusst was eine FFP2-Maske ist? Ich jedenfalls nicht.

Natürlich gab es auch vor Dezember 2019 schon gefährliche Infektionskrankheiten, die Leid, Tod und Elend verursachten. Doch Ebola, Zika-Virus und Malaria waren irgendwo in Afrika oder sonst wo in der dritten Welt, auf jeden Fall weit weg und nicht relevant.

Genauso gab es natürlich auch vor Putins Invasion in die Ukraine schreckliche Kriege, im Jemen, im Sudan, in Libyen, in Afghanistan und an so vielen anderen Orten dieser Welt. Aber es war, bzw. es ist eben alles sehr weit weg. Es wurde und wird zwar schon davon berichtet, aber und das ist wahrscheinlich das Schlimmste, man hat sich daran gewöhnt. Die Bomben auf Kiew, die verängstigten Menschen die in U-Bahnschächten um ihr Leben bangen, das alles löst völlig zu recht Entsetzen und Bestürzung aus. Aber die Nachricht, dass irgendeine Miliz irgendwo in Afrika oder im Mittleren Osten ein paar dutzend Zivilist:innen abgeschlachtet hat, geht meist völlig unter, mit bösem Zynismus betrachtet, erscheint sie sogar als Normalität, da manche Länder hier in Deutschland mit nichts anderem mehr als Terror, Leid und Elend in Verbindung gebracht werden

Die begrenzte Sicht, der eigene, subjektive Blickwinkel auf das Weltgeschehen, sich davon zu lösen, dass scheint mir persönlich die wichtigste Lehre aus den vergangenen Jahren zu sein.

Ich war zum Beispiel als Abiturient (ein Jahr nach Fukushima) absolut felsenfest davon überzeugt, dass Leute die Atomkraft für eine gute Sache halten, entweder skrupellose, geldgeile Profiteure dieser Mördertechnologie oder abgrundtief dumm sein müssen.

Heute sehe ich die Sache wesentlich differenzierter: Ich bin zwar immer noch sehr skeptisch gegenüber der Atomkraft, sehe aber ein, dass es auch sehr gute Argumente gibt diese zu Nutzen, zumindest solange bis eine konstante Stromversorgung mit erneuerbaren Energien zu jeder Jahreszeit noch nicht realisiert ist.

An dieser Stelle kommt ein Problem zum Tragen, dass mir erst durch die Impfdiskussion so richtig bewusst geworden ist. Viele politisch relevante Sachverhalte kann der Einzelne durchschnittlich begabte Mensch auch bei bestem Bemühen gar nicht beurteilen: Wie gefährlich sind Atomkraftwerke? Wie unterscheiden sich die Sicherheitsmechanismen eines Siedewasserreaktors von einem Druckwasserreaktor? Wie wirksam ist eine Coronaimpfung? Was unterscheidet einen mRNA- von einem Totimpfstoff? Wie viele gewaltbereite Islamist:innen gibt es in Deutschland, in Europa, auf der Welt? Helfen Waffenlieferungen der Ukraine gegen Putin oder vergrößern sie nur noch das Leid?
Sicher, zu all diesen Fragen lassen sich bei Google in Sekundenschnelle Antworten finden, doch um die dahinterliegenden Sachverhalte halbwegs zu durchdringen bedarf es jahrelanges Studium.

So kommt zu den unmittelbaren Sorgen des alltäglichen Lebens, von Herausforderungen im Beruf, über gesundheitliche Ängste und Nöte bis hin zu gelegentlichem Stress in der Familie oder im Freundes- / Bekanntenkreis noch das diffuse Unbehagen über den Lauf der Welt, die Unsicherheit darüber was richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge ist.

Das Leben – nicht immer schön, aber doch einzigartig und unbezahlbar

Ganz nah und doch weit weg – Äcker und Wälder bei Ramsthal

Trotz allem: Das Leben ist ein unglaubliches, unfassbares Geschenk. Wie eingangs erwähnt war ich letzte Woche wieder ein klein bisschen mit meinem Rad unterwegs; einfach so, ohne Ziel, ohne Zwang viereinhalb Stunden, fernab vielbefahrener Straßen und Wege.

Die Vielfalt der langsam aus dem Winterschlaf aufbrechenden Natur, das Zwitschern der Vögel, die klare Luft auf den einsamen Waldwegen, die verträumten Käffer im fränkischen Nirgendwo. Es gibt so vieles, was es zu entdecken, wahrzunehmen und wertzuschätzen gilt. Dabei ist es völlig unerheblich, ob man jetzt drei, dreißig oder neunzig Jahre alt ist. Es ist auch völlig unnötig dafür tausende Kilometer weit wegzufliegen. So vieles kann direkt vor der Haustür oder nur ein paar Stunden mit dem Zug entfernt erfahren und erlebt werden.

Neben der natürlichen, von Gott erschaffenen Welt, ist es die geistige, vom Menschen erdachte Welt, die fasziniert, erquickt und belebt. Ich habe als Schüler Deutschlektüren meist gehasst. Doch mit den Jahren habe ich auch den ein oder anderen guten Schriftsteller für mich entdeckt.

Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, „Der Untertan“ von Heinrich Mann, es gibt diese Monumentalwerke, die einen einfach in ihren Bann ziehen. Genauso faszinierend fand ich es während Corona das ein oder andere über Viren, die so klein sind, dass sie unter dem Lichtmikroskop nicht dargestellt werden können, zu erfahren; auch wenn ich das Meiste davon freilich nur oberflächlich erfasst bzw. verstanden habe.

Ich will mich hier nicht als schöngeistigen Intellektuellen oder naturromantischen Schwärmer aufspielen. Beides entspricht in keiner Weise der Realität und wäre ein totales Zerrbild meiner selbst.  Aber gerade weil ich mich selbst oft so gerne in den Misslichkeiten des Alltäglichen verliere, möchte ich am Schluss meiner Gedanken auf diese Perspektiven, die ich selbst nur allzu oft verdrängt habe, hin weißen. Das Leben hält neben allen unvermeidlichen Sachzwängen, allen letztendlich kindischen Ränkespielen, allem Frust und Kummer noch soviel mehr bereit! Es ist mein hehres Ziel das Mühsame des Alltags auf das Notwendige zu begrenzen und diesem mehr an Leben in den nächsten 30 Jahren soviel Raum wie möglich zugeben.

Blick Richtung Rhön

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