Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit

Meine geliebte Wahlheimatstadt Würzburg ist wieder einmal in den bundesweiten Schlagzeilen. Glücklicherweise diesmal nicht – wie in den letzten Jahren leider mehrmals der Fall – wegen eines aufsehenerregendem Gewaltverbrechens, sondern wegen einem vergleichsweise läppisch anmutenden Streit um die Darbietung eines – zumindest im nüchternen Zustand – sehr gewöhnungsbedürftigen Musikstücks im Rahmen des Kiliani-Volksfestes.
Um den Streit und seine Auswirkungen zu verstehen, lohnt es, sich mit einem Zitat der CSU-Nachwuchspolitkerin und jüngstem Mitglied des Würzburger Stadtrats Rena Schimmer auseinander zusetzen. Frau Schimmer, wird in der Mainpost mit der Aussage zitiert, dass das zur Diskussion stehende Lied „überhaupt nicht sexistisch“ sei und dass „Volkslieder für das gemeinsame zusammen kommen da seien und nicht für politische Meinungsäußerungen“.
Diese Aussagen erhalten aus meiner Sicht drei Fehler:
- Das in Frage stehende Kunstwerk lässt sich kaum dem Genre „Volkslied“ zuordnen. Vielmehr handelt es sich um ein Sauf- und Gröhllied. Gerade in der Heimatstadt Valentin Beckers, die sonst (m.E. zurecht) stolz auf ihre über 1300 Jahre alte Kulturgeschichte ist, sollte dies Konsens sein.
- Nur am Rande bemerkt, Volkslieder können sehr wohl der politischen Meinungsäußerung dienen. Die CDU Baden-Württemberg hat zum Beispiel erfahren müssen, dass Volkslieder aus dem Jahre 1933, durchaus einer kritischen Würdigung im Hinblick auf die darin möglicherweise enthaltenen politischen Aussagen zu unterziehen sind. Auch diverse Kampflieder des politisch linken Spektrums („Brüder zur Sonne“ usw.) würde ich dem Genre „Volkslied“ zu ordnen.
- Und jetzt zum eigentlich entscheidenden Punkt: Das zur Debatte stehende Lied ist zweifellos und ohne wenn und aber sexistisch!
An dieser Stelle soll hier auf eine ins Detail gehende Analyse des Liedtextes verzichtet werden und stattdessen die provokante Frage aufgeworfen werden, wenn dieses Lied nicht sexistisch ist, was ist dann überhaupt noch sexistisch?
Es geht um einen Puffbesitzer, dessen Bumbsmama (was immer sich auch genau hinter dieser Jobbezeichnung verbergen mag) „junger, schöner, geiler“ ist. Der Sprecher des Würzburger Bündnis für Zivilcourage kommentiert dazu, dass hier eine Frau, besagte Bumbsmama, als Ware angepriesen wird, an der sich Männer „bedienen“ können. Ich sehe nichts, was dieser Interpretation ernstlich entgegenstehen könnte.
Das Lied ist, wie es eine von der Mainpost zitierte Volksfestbesucherin pointiert auf den Punkt brachte „sexistische Kackscheiße“. Doch sollte es deshalb auf dem Kiliani oder anderen Volks- / Bier- / Weinfesten nicht mehr gespielt werden dürfen? Hier sage ich klar NEIN und zwar aus folgenden zwei Gründen:
- Liegt es gerade in der Natur des oben bezeichneten Genres „Sauf- und Gröhllieder“, dass deren Inhalt nicht geistreich und differenziert, sondern eben eher stupide und obszön daher kommt (vgl. Micky Krause „Finger im Po – Mexiko“ u.v.m.). Dabei ist – zumindest nach meiner Lebenserfahrung – davon auszugehen, dass das Publikum den Inhalt sehr wohl als obszönen Klamauk einordnet – wenn es das Lied im alkoholhaltigen Bierzelttrubel überhaupt inhaltlich erfasst. So soll laut Bayerischem Rundfunk sogar der Würzburger OB Schuchard in Unkenntnis des genauen Textes zu dem umstrittenen Lied ausgiebig getanzt haben. Die aus den Reihen meiner grünen Partei immer wieder vorgetragene Argumentation, dass der Konsum (Anhören, Mitgröhlen, Mittanzen) eines solchen Liedes automatisch zu einem sich mit dem Inhalt gemein machen führt, halte ich daher für übertrieben. Dieses Lied gar als Katalysator für sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen zu betrachten ist daher für mich ebenso abwegig, wie der Versuch dieses Lied dem schützenswerten Volksliedgut zuordnen zu wollen.
- Folgt direkt aus dem obigen, sowie aus der schimmerschen Volksliedthese, dass eine vertiefte Debatte um dieses „Werk“ eben nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit sexistischen Verhaltensmustern führt, sondern viel mehr zu einem Kulturkampf, der seinem Wesen nach nicht viel Konstruktives hervorbringen kann. Es ist das altbekannte Spiel der Vorwürfe zwischen dem angeblichen „sexistischen weißem Patriachart“ und den angeblichen „linksgrünen Genderideolog:innen“, zwischen den rücksichtslosen Partyhedonist:innen und den moralisierenden Spaßbremsen, dass hier dargeboten wird.
Ein Volksfestzelt ist kein symphonischer Konzertsaal. Natürlich – und das sei hier nur zur Sicherheit noch einmal erwähnt – ist auch ein Volksfestzelt kein rechtsfreier Raum und sobald es zu irgendwelchen strafrechtlich relevanten Vorfällen kommt – insbesondere auch sexuellen Belästigungen – muss selbstverständlich genauso konsequent durchgegriffen werden wie überall sonst auch. Aber soweit ich die Diskussion mitbekommen habe, ging es auch nie darum das Lied strafrechtlich irgendwie verbieten zu wollen, sondern lediglich darum, im Rahmen privatrechtlicher Verträge sicherzustellen (vgl. Anwalt Jun), dass auf Veranstaltung der Stadt Würzburg dieses Lied (und ähnliche sexistische Machwerke) nicht mehr gespielt werden. Es soll also eine gewisse Niveauuntergrenze eingezogen werden. Das ist ohne Zweifel ehrenwert, aber eben auch bevormundend. JedeR die ein Bierzelt besucht, weiß dass dort eben auch derbe, sexistische und ihrem Inhalt nach schlichtweg primitive Lieder aufgeführt werden. Niemand wird gezwungen sich das anzutun. Jeder und jede kann ein Bierzelt wieder verlassen, wenn die Musik den eigenen Vorlieben nicht entspricht. Warum also lassen wir denen, die sich diesen zweifelhaften Kulturgenuss solcher Lieder antun wollen, nicht ihren Spaß?!
Ich finde eine liberale Gesellschaft, muss auch Schmutz und Schund aushalten können, solang dadurch niemand belästigt, verunglimpft oder in sonstiger Weiße beeinträchtigt wird. Der hier skizzierte Kulturkampf füllt zwar die Zeitungs- und Internetseiten, führt aber inhaltlich zu nichts. Im Gegenteil, soviel andere Themen, die in Würzburg wirklich wichtig sind (Wohnungsnot, Wasserknappheit, soziale Spaltung etc.) werden jetzt einige Wochen lang nur in sehr abgeschwächter Form diskutiert, weil alle in ihren ideologischen Schützengräben liegen und um die Bumbsmama eines schwäbischen DJs kämpfen.
Deshalb wäre es vermutlich besser gewesen, die Layla im Bierzelt zulassen. JedeR der sich an diesem Werk gestört hätte, hätte das Bierzelt verlassen können und die, die Geblieben wären, hätten sicher durch den Konsum dieses Musikstückes auch keine bleibenden Schäden genommen.