Die GRÜNEN und der Hedonismus – Zugleich eine Skizze verschiedener grüner Milieus

Am Montag vor vier Wochen dem 03.Oktober endete das 187. Oktoberfest in München. Zum Symbol für den Charakter dieses laut wikipedia weltweit größten Volksfestes ist ein Rechnungsbeleg geworden aus dem hervorgeht, dass die Portion halbe Ente in – und das scheint nicht ganz unwichtig zu sein – Bioqualität 53 € kostete, plus noch mal 7,20€ jeweils für Blaukraut und Klöße .
 Das Oktoberfest ist somit auch zum Synonym für Dekadenz und hemmungsloses Brassen in Krisenzeiten geworden.

Eine gute Gelegenheit sich also einmal ein paar Gedanken – über vermeintliche oder tatsächliche – Dekadenz in Zeiten der Krise zu machen und vor allen Dingen – dem Zweck dieses Blogs gemäß – die Rolle der Grünen dabei zu hinterfragen.


Vorweg eine Nebenbemerkung zu Corona: Wenn ein Volksfest stattfindet, bei dem sich Hunderttausende aus aller Welt zum Biertrinken in riesigen Festzelten treffen, wird natürlich jede Empfehlung oder gar Pflicht anderenorts Maske zu tragen zu unglaubwürdigen Lachnummer.  Ich kann die Durchführung dieses Festes nur so interpretieren, dass das Corona-Virus für die nicht schwervulnerable Allgemeinbevölkerung – durch Mutationen, Impfkampagnen usw. – so ungefährlich geworden ist, dass Schutzmaßnahmen obsolet sind. Warum dann im ÖPNV immer noch eine Maskenpflicht gilt, erschließt sich mir jedenfalls nicht. Entweder das Virus ist gefährlich und dann ist eine Massenveranstaltung mit Zehntausenden auf engsten Raum sicher nicht verantwortbar oder das Virus ist so schwach, dass eine Infektion zum normalen, vertretbaren Lebensrisiko gehört und nirgendswo mehr Masken notwendig sind.

Doch nun zum Kern der Sache: Volksfeste sind ihrem Wesensgehalt nach Spaßveranstaltungen, auf denen es – wie wohl kaum woanders, um den ungehemmten Exzess (Bier, Ballermann-Hits) und den kurzfristigen Kick (Achterbahn) geht.  Die Besucher legen sich ihre Verkleidung (in den meisten Fällen, das billige Dirndl und die Lederhosen aus China, eher selten eine echte Tracht) an, streifen den Alltag ab und geben sich dem Treiben hin.

Doch Volksfeste – und ganz besonders eben auch das Münchner Oktoberfest – sind eben nicht nur feucht fröhliche Geselligkeitsveranstaltungen, sie sind eben heute auch, wider ihres Namens, Veranstaltung, die man (oder Frau) sich leisten muss. Wer auf´s Oktoberfest geht, hat eben die 16€ für die Maß, die 40€ fürs nicht (!) Bio-Essen, plus wahrscheinlich nochmal 50€ für Fahrgeschäfte übrig; von den Kosten für Bahnfahrt und Übernachtung die Nichtmünchner:innen zahlen müssen ganz zu schweigen. Hier werden sicher Beträge fällig, von denen Menschen im Niedriglohnbereich oder gar auf Hartz4 mehrere Wochen überleben müssen. Nun haben auch einige grüne Spitzenpolitiker:innen ihren diesjährigen Oktoberfestbesuch öffentlichkeitswirksam vermarktet. Dies wurde – von den Meinungsmacher:innen (neudeutsch opinion leader) des politisch rechten Spektrums – erwartungsgemäß mit viel Spott und Häme kommentiert.


Beispielhaft soll hier die „Rezeption“ des m. E. klar dem rechtslibertären Spektrum zu zuordnendem Journalisten und Publizisten Alexander Wendt eines Selfies der herzlich lachenden Ricarda Lang (Grüne Bundesvorsitzende) und der nicht minder fröhlichen Katharina „Katha“ Schulze (Fraktionsvorsitzende im bayr. Landtag) herangezogen werden.  Herr Wendt stellt diesen Schnappschuss[1] so dar, als sei dieser das Gemälde des mir vorher gänzlich unbekannten sozialkritischen Karikaturisten Georg Grosz (Hauptschaffenszeit wohl in der Weimarer Republik) und trage den Titel „Gesichter der herrschenden Klasse“.

Die Botschaft ist, trotz ihrer nicht einmal unklugen, wenn auch m. E. eher pseudointelektuellen Verpackung, klar: Die Grünen sind abgehobene Hedonist:innen, die Wasser predigen und Wein (oder in diesem Falle Bier) trinken, jegliche Bodenhaftung und jegliches Problembewusstsein für die Sorgen „der Leute da drausen“ verloren haben.

An dieser Stelle könnte die Diskussion über diese subtilen, aber dennoch sehr wirksamen Anschuldigen des Herrn Wendts mit zwei simplen Argumenten beendet werden:

  1. Leute wie Herr Wendt wollen den GRÜNEN eh nichts Gutes und haben eine regelrechte Aversion gegen diese, meine Partei entwickelt. So schreckte Herr Wendt beispielsweiße auch nicht davor zurück, einen Würzburger GJ-Aktiven Anfang diesen Jahres allein aufgrund seines Äußeren übel öffentlich zu diffamieren. Eine Beschäftigung mit Wendts Ergüssen würde also nur die eh schon laut gellenden Stimmen des äußersten rechten Rands unseres demokratischen Spektrums[3] verstärken.
  2. Auch Politiker:innen anderer Parteien feiern trotz Krise rauschende Feste; Paradebeispiel ist sicher die von großen Teilen der Öffentlichkeit als dekadent wahrgenommene Hochzeit von Bundesfinanzminister Lindner. Sicher ließen sich mit ein bisschen Fleißarbeit auch Fotos finden, die Politiker:innen beliebiger anderer Parteien ausgelassen auf dem diesjährigen Oktoberfest zeigen

Dennoch lohnt es sich m.E. die Frage zu stellen, ob ein Besuch des Oktoberfestes durch grüne Spitzenpolitiker:innen in Krisenzeiten sinnvoll ist. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Besuch dieses Festes von Frau Schulze, Frau Lang und anderen Spitzengrünen[2] nicht privat erfolgte, sondern, dass es sehr wohl um das „Sehen und Gesehen werden“ ging. Privat, das sei hier klargestellt, soll auch jedes grüne Parteimitglied tun und lassen können, was es will, solange es legal ist (also aufs Oktoberfest gehen, viermal im Jahr in Urlaub fliegen, SUV fahren usw.); alles andere wäre mit dem Grundgedanken einer demokratischen Partei nicht vereinbar, auch wenn ich mich persönlich schon frage, wie der Lebensstil einiger weniger Grüne mit ihrem Engagement für diese Partei zusammengeht.

An dieser Stelle lohnt es sich bewusst zu machen, dass die grüne Basis – heute genauso oder vielleicht noch stärker, als zu den Anfangszeiten – sehr heterogen ist, dass der Zufluss an Mitgliedern und Symphatisant:innen sich aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus speist. Die Grünen sind eben nicht nur eine reine Umweltschutzpartei, sondern eben auch liberale Sozialstaatspartei, die für Antirassimus, Feminismus, Inklusion, liberales Asyl- / Einwanderungsrecht und so Vieles mehr steht.

Beispielhaft soll hier zum einen die Selbstbeschreibung des grünen Staatssekretärs im Bundesfamilienministerium Sven Lehmann  angeführt werden, der sich laut seiner Homepage unter anderem als „Feminist, Weltverbesserer, Idealist und Hedonist“ sieht. Der für unsere Partei tragende Umweltschutzgedanke scheint sich in dieser Beschreibung allenfalls hinter dem Begriff Weltverbesserer verbergen zu können. Beim Begriff des Hedonisten sind jedoch Zweifel angebracht, ob dieser sich mit einem nachhaltigen, auf Sparsamkeit ausgerichteten Lebensstiel überhaupt in Einklang bringen lässt, bemerkt wikipedia dazu doch, dass der Begriff des Hedonismus alltagssprachlich „eine nur am momentanen sinnlichen Genüssen orientierte Lebenseinstellung“ bezeichnet. Ich würde behaupten, dass Sven Lehmann mit seiner Selbstbeschreibung die Milieus anspricht, die in den Grünen vor allem eine progressiv-emanzipatorische Kraft sehen. Es geht in diesen Milieus hauptsächlich um individuelle Selbstbestimmung also um Feminismus, Antirassimus, LGQBT*-Rechte und dergleichen mehr. Natürlich sind diese Milieus auch für Umwelt- und Klimaschutz, aber da sich das Leben in Groß- bzw. Unistädten abspielt sind diese Themen, letztendlich nicht so entscheidend, da der Verzichts auf den eigenen PKW leicht fällt, wenn alle 10 Minuten der Bus oder die Tram kommt und   der Biomarkt um die Ecke alle erdenklichen veganen Leckereien bereit hält.

Jenseits dieser oben beschriebenen Milieus, deren Persiflage bei rechten Meinungsmacher:innen zum regelrechten Volkssport geworden ist, gibt es aber noch viele andere grüne Milieus, die sogar nicht ins Bild der klischeehaften grünen Großstadthedonist:innen passen. Das Problem ist aber, dass sich diese Milieus, da sie eben weniger einem festen Klischee entsprechen, auch nicht so gut in ein paar Sätzen beschreiben lassen.

Ich möchte deshalb nur aus meiner eigenen Erfahrung heraus ein paar dieser grünen Milieus nennen:

  • Da sind die vielen Biolandwirt:Innen, die gar keine Zeit für das Oktoberfest, geschweige den für irgendwelche Fernreisen haben.
  • Da sind andere Unternehmer:innen (etwa aus dem Bereich der erneuerbaren Energien), deren Zeitbudget ähnlich begrenzt ist.
  • Da sind zahlreiche Lehrer:innen und Verwaltungsbeamte, die ihrem Wesen nach konservativer als viele Unionsmitglieder sind, denen rauschende Feiern oder gar Exzesse völlig zuwider sind.
  • Da sind die vielen kirchlich Engagierten (etwa aus der Geflüchtetenhilfe), die ebenfalls das Beschauliche dem wilden Treiben vorziehen.

Wenn der grüne Ministerpräsident Kretschmann, neulich empfohlen hat, anstatt ständig zu duschen auch einmal einen Waschlappen zu Hand zunehmen, spricht er einige dieser Milieus an.

Bescheidenheit und Genügsamkeit sind eben für viele Grüne zentrale Werte, bei anderen Grünen hingegen mag der Schwerpunkt mehr auf Weltoffenheit und der Zusage sich frei von Diskriminierung selbstverwirklichen zu können liegen.

Ich behaupte, dass der schwäbische Pietismus genauso Nährboden für grüne Politik ist wie die Ideen der 68er-Generation.

Es wäre an dieser Stelle leicht jetzt antithetisch zusagen, das eine sind die „richtigen Grünen“ und das andere sind nur Trittbrettfahrfer:innen; ich bin aber davon überzeugt, dass eine solche Bewertung nicht nur zu kurz greift, sondern auch zu keinem richtigen Ergebnis kommen kann.

Es braucht tatsächlich Beides, den biederen Beamten, genauso wie die weitgereiste Kulturwissenschaftlerin; den heimatverwurzelnden Biobauern, genauso wie den rebellischen LGBTQ*-Aktivist.

„Unsere Umwelt ist nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts“, wenn die Bemühungen um bessere Umweltbedingungen, den Menschen aus dem Blick verlieren, verfehlen sie ihr eigentliches Ziel. Es gibt genug Beispiele von ökologischen Lebensgemeinschaften gerade aus dem Bereich der Anthroposophie, die über eine „Mutter Erde – Grund und Boden“ -Ideologie nach rechts abgedriftet sind. Auch jenseits der Anthroposophie – Bewegung merke ich, dass es bei uns Grünen Leute gibt, die zwar in umweltpolitischen Dingen sehr firm sind und auch privat bewusst nachhaltig leben, gleichzeitig aber z.B. die (berechtigten) Anliegen von LGBTQ*-Menschen bagatellisieren. Auf der anderen Seite erwarte ich jedoch auch von vielreisenden grünen Großstädter:innen, dass sie bereit sind ihre Gewohnheiten zu hinterfragen und sich nicht auf gefällige Formeln á la „wir brauchen nicht die besseren Menschen, sondern die bessere Politik“ zurückziehen.

Sollen grüne Spitzenpolitiker*innen nun in Krisenzeiten auf Volksfeste? Ich persönliche denke tatsächlich, dass die diesjährigen Oktoberfestauftritte des grünen Spitzenpersonals dem Image der grünen Partei eher geschadet als genutzt haben.

In normalen Jahren ohne Krieg und Inflation ist es sicher sinnvoll zu zeigen, dass Grüne auch lebenslustig sind und nicht den ganzen Tag sorgenvoll ihren ökologischen Footprint berechnen. In der Krise behaupte ich wären Genügsamkeit und Bescheidenheit, gerade auch in Abgrenzung zu einer quasi religiös wachstumsgläubigen FDP, die Tugenden der Wahl.




[3] Ich schreibe hier bewusst demokratisches Parteinspektrum, da ich persönlich kein Freund davon bin, die extremistischen Bereiche des Parteinspektrums zu weit zu definieren.

[2] Von Frau Kulturstaatsministerin Roth existieren auch entsprechende Fotos in den sozialen Netzen.


[1] Ich vermute mal, dass es sich nur um einen Bildausschnitt handelt; Habe dies aber nicht weiter recherchiert.


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