Das 49 € – Ticket oder warum es, doch wichtig ist das GRÜNE mitregieren!

Heute ist eine willkommene Gelegenheit mal ein paar Zeilen über etwas richtig Positives zu schreiben: Das 49€-Ticket!

                                                                                                                                                                                                                                           


Exkurs: Warum die „richtige Behinderung“ bei der ÖPNV-Nutzung unglaubliche Privilegien verschafft!

Vorweg: Für mich bringt das 49€ – Ticket erst einmal keine direkten Vorteile, da ich als Inhaber eines Schwerbehindertenausweises mit den richtigen Merkzeichen, für fast umsonst – oder um genauer zu sein für läppische 91 € im Jahr – den kompletten ÖPNV bundesweit nutzen darf. Ob dieses Privilegs habe ich schon ab und an ein schlechtes Gewissen, etwa wenn ich mitbekomme, dass Leute die bei einer teuren ICE Fernreise vergessen haben, dass letzte Teilstück mit der RB zu lösen[1], von der Schaffnerin rund gemacht werden und dann nochmal – gnädiger Weise ohne den Schwarzfahreraufschlag von 60 € – 7 € nachlösen dürfen oder wenn – in einem anderen Fall – ein nichtdeutschsprechender junger Mann, der wahrscheinlich aus Versehen, eine schon gestempelte Karte beim Einstieg in den Bus vorzeigt, unter Androhung polizeilicher Maßnahmen dazu gezwungen wird 60€ Bußgeld zuzahlen.
Ungerecht ist auch, dass viele Behinderte – die nur kognitiv eingeschränkt sind (vulgo geistig behindert) – nicht in den Genuss der Freifahrt im öffentlichen Personennahverkehr kommen, obwohl gerade diese Menschen, die meist nur für einen Hungerlohn ein Taschengeld in einer Einrichtung – sogenannte Behindertenwerkstatt – beschäftigt sind, jede Vergünstigung gut gebrauchen könnten.

Aber so ist das mit Privilegien; man ist froh, dass man sie hat und denkt sonst nicht oft drüber nach, wie es ohne sie wäre; Ich will hier auch nicht ganz verschweigen, dass mir meine Behinderung an anderer Stelle doch auch massive Nachteile einbringt.

Der ÖPNV bis jetzt – gerade auf dem Land unattraktiv und überteuert

Das der ÖPNV teuer ist, weis ich also (zum Glück) nicht aus eigener Anschauung. Hier im sogenannten ländlichen Raum tritt sogar das Paradoxon auf, dass der Preis steigt, je dünner das Angebot wird. So ist der Stadtbusverkehr in meiner Geburtsstadt Schweinfurt (54.000 Einwohner:innen + so grob überschlagen 40.000 Einwohner:innen in den angebundenen Umlandgemeinden) in drei Tarifzonen aufgeteilt. In der dritten Tarifzone kostet (bzw. dank Deutschlandticket bald wohl kostete) die Jahreskarte im Abo 66,70€ pro Monat und das auch in Dörfern in denen der Bus keine 10 mal am Tag fuhr.

Mir scheint es, als war die ÖPNV-Politik im nicht großstädtischen Raum, die ganze Zeit von der sich selbsterfüllenden Prophezeiung geprägt „außer den Schulkindern und ein paar alten Omis fährt doch eh niemand mit“. Das es auch anders geht, erlebt jede:r, der:die mal in einer größeren Stadt, wie in meinem Fall Würzburg und Mannheim gelebt hat.


Hier in Lengfeld (Stadtteil mit 11.000 Einwohner:innen, so gute 4km Luftlinie ins Stadtzentrum) habe ich unter der Woche vier Direktverbindungen pro Stunde in die Innenstadt, plus je zwei Verbindungen pro Stunde in Richtung Unicampus, bzw. in entgegengesetzter Richtung zum Uniklinikum; Selbst an Sonn- und Feiertagen fährt alle halbe Stunde ein Bus in die Stadt.

Kurz gesagt: Hier ist ein Verzicht aufs eigene Auto für die meisten Leute ohne große Einschränkung der Lebensqualität möglich. Anders sieht es (bis jetzt) in meiner Heimatgemeinde Niederwerrn aus (ca. 6.000 Einwohner:innen ohne Ortsteil Oberwerrn, Entfernung zum Stadtzentrum Schweinfurt ebenfalls so ca. 4 km Luftlinie); hier fahren zu den Hauptzeiten – frühs vor 08:00 Uhr, Mittags ab 12:00 Uhr, und Abends ab 16:00 Uhr relativ viele Buse; unter tags sieht es dafür oft eher dünn aus.

Ein noch viel größerer Malus als die ausgedünnten Fahrpläne zu den Randzeiten sind in Schweinfurt, aber vermutlich auch in vielen anderen Städten ähnlicher Größe, die fehlenden Querverbindungen.

Wer in Schweinfurt in den Hafen (großes Industriegebiet mit über 15.000 Arbeitsplätzen) will, der:die muss erstmal in die Innenstadt und dort in den entsprechenden Bus umsteigen; Hierbei gibt es dann Konstellationen, bei denen Fahrgäste eine dreiviertel Stunde und länger unterwegs sind, um effektiv eine Distanz von 3 Kilometer Luftlinie zu überwinden.[2]
Kurzum: der ÖPNV war bis jetzt nicht nur teuer, sondern für viele Menschen außerhalb der Großstädte auch sonst schlichtweg unattraktiv.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

Das 49€ – Ticket lohnt sich; für den einzelnen und die Gesellschaft.

Natürlich schafft das 49€ Ticket keine einzige neue Bus- oder Zugverbindung; Der ÖPNV wird also für viele Leute erst einmal unattraktiv bleiben. Aber und das ist – zumindest meine große Hoffnung – der ÖPNV wird aufgrund seiner finanziellen Attraktivität für viele Leute zum ersten Mal überhaupt als Alternative zum motorisierten Individualverkehr ernsthaft in Betracht kommen. Gerade für Leute, die öfters Strecken von 200 – 300 Kilometer zurückzulegen haben (klassische Wochenendbeziehung etc.) dürfte sich das Ticket extrem lohnen; da hier das 49€-Ticket oft billiger ist, als die normale Karte für Hin- und Rückfahrt. Wenn der ÖPNV nun dann für viele Leute – aufgrund seiner finanziellen Attraktivität erstmals als Mobilitätsoption in Betracht kommt, wird – so hoffe ich zumindest – auch auf die Politiker:innen der „es fährt doch eh jeder im eigenen Auto“ – Fraktion der Druck steigen, das ÖPNV-Angebot zu erhöhen. Natürlich gibt es auch da Restriktionen – vor allem  die Personalengpässe bei den Busfahrer:innen – und es ergibt sicher keinen Sinn jedes noch so abgelegene 300- Seelen Dorf im Halbstundentakt anzubinden.
Aber die Stoßrichtung wird ganz klar hinzu mehr ÖPNV gehen und davon profitiere dann wahrscheinlich auch ich als „Behinderter“ der jetzt schon quasi kostenlos Bus- und Bah nutzt.

Das 49€ Ticket hätte es, auch wenn es von einem FDP-Verkehrsminister eingeführt wurde, – ohne eine grüne Regierungsbeteiligung – sehr wahrscheinlich nie gegeben!

Auch wenn natürlich noch nicht ganz abzusehen ist, inwieweit dieses Ticket den motorisierten Individualverkehr reduziert (m.E. wird das mittelfristig schon der Fall sein), lässt sich zu mindestens sagen, dass das Ticket für viele Menschen Mobilität massiv verbilligt. Es handelt sich also um eine Klima- und Umweltschutzmaßnahme mit enormer sozialpolitischer Bedeutung. Millionen Menschen können günstiger unterwegs sein; in manchen Familien kann sicherlich der Zweit, bzw.- Drittwagen wegfallen.

Das Beste daran: es wird keine noch so neoliberale CDU – Nachfolgeregierung 2025 oder (hoffentlich) später auf die Idee kommen können, dieses Ticket wieder zu kassieren. Wenn erst einmal eine hinreichend große Mehrheit daran gewöhnt ist, für knapp 50 €  im Monat im ganzen Bundesgebiet mit Bus und Bahn mobil zu sein, wird sich keine Regierung mehr trauen das abzuschaffen und diesen Leuten wieder einen wesentlich teureren Tarifdschungel mit Einzelfahrscheinen und Wochenkarten etc. zu zumuten.
Es ist also ein Wahnsinnserfolg, eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung, vergleichbar etwa mit der Entscheidung regenerative Energien großflächig zu Stromerzeugung heranzuziehen oder – um mal ein Beispiel aus einem komplett anderen politischen Bereich herzunehmen – die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. GRÜN wirkt also! GRÜN verändert die Gesellschaft m.E. sehr zum Positiven.

Ausblick: Schmerzfreie Umwelt- und klimafreundliche Politik

Warum wird dieses Positive – selbst von uns GRÜNEN – so wenig kommuniziert? Ein Faktor ist sicherlich, dass dieses durch und durch grüne Projekt (dummerweise) von einen FDP geführten Ministerium umgesetzt wird. Der zweite, wesentlich gewichtigere Faktor ist jedoch, dass die von interessierter Seite sehr polemisch und aggressiv geführte Debatte um die sogenannte Wärmewende – also den Umstieg auf CO2 arme, bzw. optimalerweise sogar CO2 freie Formen des Heizens – zurzeit innenpolitisch alles überlagert.

Dabei sind die Projekte Wärmewende und Verkehrswende auf den ersten Blick sehr ähnlich unterscheiden sich aber dann m.E. doch in ein paar wesentlichen Punkten.

Der wohl wichtigste Unterschied ist: Beim Thema Verkehrspolitik kann jede*r mit reden. Wenn früh in irgendeine x-beliebige Stadt 10.000 Autos rein fahren, leuchtet es sofort ein, dass es für die Stadt, für´s Klima, die Luft etc. besser wäre, es würden nur noch 5.000 Autos und 100 Buse (in denen dann die Menschen sitzen, die sonst in den anderen 5.000 Autos säßen) reinfahren.
Das Thema (Wärme-)Energie ist dagegen weniger plastisch. Klar am Ende will man nicht in der kalten Wohnung sitzen oder unter der kalten Dusche stehen müssen. Aber das die mit der Wärmepumpe geheizte Wohnung für das Klima besser ist, als die mit dem Gasbrenner beheizte erschließt sich nicht intuitiv, obgleich viele Experten sagen, dass selbst beim jetzigen Strommix (mit über 40 % Kohleanteil) die Wärmepumpe emissionsmäßig besser abschneidet. Es ist wohl auch schon seit geraumer Zeit anerkannt, dass die jetzige Form des Heizens, die hauptsächlich auf Erdgas und Erdöl setzt, nicht ökonomisch und schon gar nicht ökologisch das Optimum darstellt.

Das entscheidende Problem ist – nach allem was ich bisher gehört und gelesen habe (ich bin als Mieter absoluter Laie) – die hohen Umrüstkosten. Wenn der Einbau einer Wärmepumpe das drei bis vierfache kostet wie eine neue Gasheizung, ist es verständlich, dass viele Leute sich dann doch nochmal dazu entscheiden die Gasheizung zu erneuern, wohlwissend dass diese im Betrieb deutlich teurer sein wird.[3]

Verbote und Einschränkungen sind eben weit weniger attraktiv als Subventionen. Ob Umwelt- und Klimaschutzpolitik nur mit Anreizen funktionieren kann – wie das von der Union und der FDP immer wieder propagiert wird– wage ich zu bezweifeln. Wichtig ist aber dort wo Anreize gut funktionieren, dies auch positiv hervorzuheben und da ist das 49€ – Ticket, genauso etwa wie das Erneuerbare Energien Gesetz ein sehr gutes Beispiel.

Grün wirkt! Grün verändert die Gesellschaft zum Positiven! Dies bewusst zu machen ist auch der Schlüssel[4], um bei kommenden Wahlen, wie im Herbst in Bayern – trotz momentan miserabler Umfragewerte – wieder erfolgreich zu sein.

Deshalb war es mir ein Anliegen auch auf meinem Blog – der sich ja dem Kritischen verschrieben hat – darüber einige Gedanken auszuführen.


[1] Im konkreten Fall wurde nur Dortmund-Würzburg, statt Dortmund-Kitzingen gelöst.

[2] Etwa von Grafenrheinfeld in den Schweinfurter Hafen: https://www.stadtwerke-sw.de/mobilitaet/stadtbus/fahrplan

[3] Die Zahlen die ich so in meinem Bekanntenkreis gehört habe, waren ca. 20.000-25.000 € für eine Umrüstung auf Wärmepumpe und deutlich unter 10.000€ für die Erneuerung einer Gasheizung. Ich habe keine eigenen Recherchen angestellt, da davon auszugehen ist, dass die Preise bei dem momentanen Marktgeschehen sehr volatil sind.

[4] Und nicht etwa planloses Söder-Bashing

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