Hat der Behinderte nicht genug mit sich selbst zu tun?

Einige Gedanken zu einer Kandidatur mit körperlichen Einschränkungen…

Es sind noch gut sechszehn  zehn Wochen[1] bis zur Bezirks- bzw. Landtagswahl; Die Wahlprogramme sind verabschiedet, die Fotos für Flyer und Plakate aufgenommen. Kurz um, so langsam wird es ernst. Ich möchte jetzt vor Beginn der heißen Wahlkampfphase die Gelegenheit nutzen und hier ein paar Gedanken veröffentlichen zu einem sehr persönlichen Thema, dass mich schon länger umtreibt und von dem ich auch denke, die Wähler:innen, die sich überlegen am 08.Oktober ein Listenkreuz hinter mein Namen zusetzen, sollen – sofern sie es den möchten – meine Position hierzu kennen. Es geht um meine Behinderung und welche Einschränkungen daraus sich möglicherweise für eine Mandatsausübung als Bezirksrat ergeben würden, sofern ich den gewählt werden würde.

Die Eingangsfrage fasst es knallhart zusammen: Hat der Behinderte nicht genug mit sich selbst zu tun? Die ganz kurze Antwort darauf lautet: JA!

Das ich diese – politisch natürlich höchst unkorrekte – Frage so offen und ehrlich mit einem beherzten JA beantworte, hat nichts mit Resignation, als vielmehr mit Reife zu tun.

Tatsächlich ist es so, dass ich trotz meiner Einschränkungen – im Vergleich mit anderen Behinderten – ziemlich viel machen kann: Ich benötige keinen Rollstuhl und komme (fast) jede Treppe hoch. Meine Sinnesorgane funktionieren (fast) einwandfrei, die Handmotorik reicht für alles Wesentliche und sprachlich verständigen kann ich mich auch einigermaßen.

Es fällt mir deshalb auch manchmal schwer mich als „behindert“ wahrzunehmen. Bewusst wird es mir oft erst dann, wenn ich zum Beispiel nach einer Parteitagsrede dafür gelobt werde, dass ich gut zu verstehen war.

Letztendlich sind es aber auch weniger diese Offensichtlichkeiten, die mich dazu bringen die Frage, ob ich nicht genug mit mir selbst zu tun habe mit Ja zu beantworten, als vielmehr das schleichende Hintergrundrauschen meines Alltags.

Vieles dauert länger, ist mühsamer, gelingt mir erst im zweiten oder dritten Anlauf. Am Deutlichsten merke ich mein „eingeschränkt sein“ an meiner erst im frühen Erwachsenenalter erworbenen Diabeteserkrankung, über die ich in diesem Blog an anderer Stelle schon ausführlich geschrieben habe. Auch wenn ich Dank moderner Pharmazie (kurzzeitwirkende Gentechnikinsuline) und Medizintechnik (Glucose – Sensoren) verglichen mit Leuten, die noch in den 90er-Jahren an Diabetes erkrankten unglaubliche Freiheiten in meiner Lebensführung genieße, passiert es mir hin und wieder, dass ich Nachts den Alarm meines  Messgerätes nicht höre und dann am nächsten Tag ziemlich fertig bin, weil der Zucker über Nacht viel zu hoch war oder dass ich umgekehrt nachts zweimal aufstehen und essen muss, da der Zucker zu niedrig ist.

Meine „andere“ Körperbehinderung merke ich meist erst im direkten Vergleich mit nichtbehinderten Menschen[2], wenn ich feststellen muss, dass ich für viele alltägliche Verrichtungen, vom Schuhe anziehen, über den Wohnungsputz, bis zum Anfertigen irgendwelcher dienstlichen Schriftstücke, einfach viel mehr Zeit benötige.

Hinzu kommen Termine bei der Krankengymnastik, diverse Arzttermine wegen des Diabetes und äußerst lästige Herumtelefoniererei, wenn meine Hilfsmittelversorgung nicht so läuft, wie sie laufen sollte (also ein Glucosesensor defekt ist und reklamiert werden muss, neue Rezepte benötigt werden und dergleichen mehr).  Kurz um meine Behinderung frisst viel Zeit, nimmt mir Flexibilität und sorgt für eine latente Schwerfälligkeit meines Alltags.

Warum will ich dennoch in den Bezirkstag?

Ich könnte hier jetzt in den aktivistischen Gesang diverser Selbsthilfeverbände vom „nicht ohne, sondern mit uns“ einstimmen. Diese Forderung ist nicht gänzlich verkehrt und bildet tatsächlich auch einen Teil meiner Motivation gut ab; jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass persönliche Betroffenheit allein kein Qualifikationsmerkmal für die Übernahme eines politischen oder sonstigen Amtes sein kann und sein darf.

Exkurs: Anforderungen an Menschen die Politiker:innen werden möchten

Freilich könnte an dieser Stelle jetzt lang darüber gestritten werden, was überhaupt Qualifikationsmerkmale sind, die dafürsprechen, dass ein Mensch für ein gewisses politisches Amt geeignet ist. Ohne jetzt auf die hunderte Regalmeter von Literatur, die es – angefangen bei den staatsphilosophischen Schriften der alten Griechen –  zu diesem Thema gibt, zurückgreifen zu wollen, sind es nach meinem Dafürhalten drei Entscheidungskriterien die wesentlich sind, ob ein Mensch sich zum Politiker / zur Politikerin eignet:

  1. Praktisches Können
  2. Fachliche Kompetenz
  3. Lebenserfahrung


Der erste Punkt „praktisches Können“ ist der am einfachsten zu umschreibende, aber vielleicht auch der am leichtesten falsch zu verstehende Punkt in meiner Aufzählung. Was meine ich damit? Eine:r der:die Politiker:in werden will, sollte (zumindest nach schriftlicher Vorbereitung) eine fünf bis zehnminütige Rede unfallfrei halten können, sollte in der Lage sein Smalltalk zu betreiben und auch mal bei einer hitzigen Diskussion auf Ortsverbandsebene zwischen zwei Streitköpfen vermitteln können. Es gibt genügend im Internet – meist zur Belustigung – dokumentierte Beispiele, von Leuten die Politiker:innen werden wollen oder bereits sind, denen dieses praktische Können – zumindest im Moment der Videoaufnahme – völlig fehlt.

Der zweite Punkt „fachliche Kompetenz“ ist – bei genauerer Betrachtung – schon etwas komplizierter. Sicherlich ist es von Vorteil, wenn der*die Politiker:in ein Studium absolviert hat, an dem sie*er in der parlamentarischen Arbeit fachlich anknüpfen kann; also klassischerweise Jura, VWL/BWL oder eine verwaltungswissenschaftliche Ausbildung (für den Staatsdienst). Das fachliche Versiertheit und hohe formale Intelligenz allein nicht ausreichen, dafür ist wohl die Geschichte der AfD, das beste und gleichzeitig abschreckenste Beispiel. Eine Partei gegründet von Professor:innen und Doktoren, die alle formal hochintelligent und auf ihren Fachgebiet jeweils bestens qualifiziert waren, hat sich innerhalb weniger Jahre von einer konservativ-libertär, aber sicher noch auf dem Boden der Verfassung stehenden, Oberschichtenpartei, in eine antidemokratische von Rechtsextremen und Faschisten durchsetzte  völkische Rechtsaußenpartei entwickelt.

Deshalb ist der dritte und letzte Punkt, die Lebenserfahrung, der meines Erachtens entscheidende Faktor. Wer „Politik macht“ trifft immer Entscheidungen über das Leben anderer, egal ob er*sie im Gemeinderat einen simplen Kindergartenneubau beschließt oder im Bundestag Gesetze zu komplexen bioethischen Fragestellungen auf den Weg bringt. Politiker:innen sollten sich deshalb auch in möglichst viele unterschiedliche Lebensrealitäten  rein versetzten können.

Wer nun aus einem behüteten akademisch geprägten Mittelschichtshaushalt (Lehrer-, Ärzte-Juristenkinder etc.) kommt, in der Schule immer gute bis sehr gute Noten hatte, dann seine beiden juristischen Examina mit Prädikat ablegt, sich vielleicht noch im Ruderklub oder bei den örtlichen Jungphilharmonikern engagiert, der kann bestimmt nicht nur qualitativ hochwertige Gremienbeschlussvorlagen ausarbeiten, sondern auch ein pointiertes Grundsatzreferat vor der regionalen IHK-Vollversammlung halten, auf dessen Grundlage er dann wiederum mit dem IHK-Geschäftsführer eine weitere politische Agenda „für die Region“ entwickelt.

Dies alles ist wichtig, es ist gut, dass es solche Leute gibt, und ich will das hier auch nicht ins Lächerliche ziehen. Doch bin ich der festen Überzeugung, dass Politik sich eben nicht nur im Kreise der Wirtschaftslenker:innen, Firmeninhaber:innen und Prädikatsjurist:innen abspielen darf.

Es braucht auch Politiker:innen, die die beschwerlichen Seiten des Lebens aus eigener Anschauung (!) kennen. Gerade im Bezirkstag geht es viel um die Belange von Menschen die eben nicht – wie das die libertären Zeitgenossen unserer Tage so abfällig immer formulieren – zum „produktiven Teil“ der Gesellschaft gehören. Deshalb ist es wichtig, dass hier auch Leute sitzen, die sich in die Lage von arbeitsunfähigen Langzeiterkrankten, intelligenzgeminderten Werkstattgänger:innen[3] oder Angehörigen schwerstmehrfachbehinderter Intensivpflegefälle hineindenken können.

Kann ich das?

Wie ich oben bereits ausführte, kann persönliche Betroffenheit allein kein Qualifikationsmerkmal für die Übernahme irgendeines Amtes sein und es wäre ja auch vermessen zu glauben, nur weil man*frau „behindert“ ist, jetzt für die äußerst heterogene Gruppe aller anderen Menschen mit Behinderung sprechen zu können. Gleichwohl: Die Tatsache, dass ich in zwei schulischen Fördereinrichtungen (Lebenshilfe Schonungen, und SRH Neckargemünd) war, hat mir eben Einblicke in Lebenswirklichkeiten verschafft, die ich so auf einer ‚normalen‘ Schule nicht gehabt hätte. Auch wenn mein Freundes- und Bekanntenkreis zwischenzeitlich sehr bunt durchmischt ist, vermute ich, dass ich immer noch überproportional viel mit Leuten zu tun habe, die stärker eingeschränkt (vulgo „behindert“) sind als der Durchschnitt der Gesellschaft.

Die nötige Lebenserfahrung für den Bezirkstag brächte ich also mit, wie schaut es mit dem praktischen Können und der fachlichen Kompetenz aus?

Hier fällt es natürlich noch schwerer dies aus der Eigenperspektive (halbwegs) vernünftig einschätzen zu wollen; ich probiere es trotzdem:

Ich habe zwei Studiengänge mit durchschnittlichen Zensuren abgeschlossen. Ich habe dann eine E9b-Stelle bei der DRV-Bund angetreten und bin ein gutes Jahr später auf eine E10-Stelle an meine Alma Mater gewechselt. Alles keine Spitzenjobs, aber gewiss auch keine prekären Beschäftigungsverhältnisse; sondern gutes Mittelmaß. Es entspricht dem, was man so meine ich, mit ein bisschen Fleiß und etwas Glück vom (beruflichen) Leben erwarten kann, wenn man*frau aus „normalen“ (d.h. nicht prekären) Verhältnissen stammt.

Ich selbst würde mich daher als im besten Sinne des Wortes „mittelmäßig“ charakterisieren.

Auch diese Selbstcharakterisierung ist mir lange Zeit nicht leicht gefallen; gerade wenn ich an den Beginn meines Studiums denke, hat es mich schon sehr gewurmt, dass ich eben oft, obwohl ich mich sehr angestrengt habe, unter dem Durchschnitt lag, auch weil mir die Behinderung und speziell die damals für mich noch neue Diabeteserkrankung viel Kraft gekostet haben. Mittlerweile bin ich der Auffassung, dass gerade dieses Wissen um die eigenen Grenzen Voraussetzung ist, um überhaupt langfristig erfolgreich sein zu können.

Die Politik ist voll von Typen, die nach Superlativen streben; Das wohl prominenteste Beispiel ist der aktuelle bayerische Ministerpräsident Söder.

Natürlich funktioniert Politik – zumindest oberhalb der lokalen Dorfebene – nur als Wettstreit um die besten Ideen und die klügsten Lösungen. Gerade wir GRÜNE sind – wie ich finde völlig zurecht – sehr ambitioniert, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft nicht nur klima- und emissionsneutral, sondern auch inklusiv und sozialgerecht zu gestalten.

Dieses inhaltliche Streben nach Perfektion, nach der 100% -Lösung, ist aber meines Erachtens zum Scheitern verurteilt, wenn damit der Anspruch einhergeht, dass die handelnden Akteure auch immer perfekt und 100 prozentig zu sein haben. Um inhaltlich gut zu sein ist es vielmehr entscheidend sich fokussieren zu können, Wichtiges von Unwichtigen zu trennen, sich dann für das Wichtige genügend Zeit zunehmen, im Zweifel Zweit- oder sogar Drittmeinungen einzuholen und dann entschlossen und konsequent zu Handeln.

Wenn ich mir das Bewerber:innenfeld für den Bezirkstag anschaue, bezweifele ich, ob wirklich alle die in den Bezirkstag gewählt werden möchten, dafür die nötigen zeitlichen Kapazitäten mitbringen. Für einen Landrat oder eine Landrätin wird der Bezirkstag eben nur ein Gremium unter vielen anderen sein.

Für mich dagegen ist klar, wenn ich in den Bezirkstag reinkommen sollte[4], dann heißt das für mich auch, volle Konzentration darauf. Neben dem Broterwerb hätte ich keine weiteren Aufgaben mehr, um die ich mich kümmern muss. Ich habe durch die Fokussierung auf das Wesentliche im entscheidenden Moment in meinem Leben schon einiges geschafft, dass mir auch von Expertenseite (damit meine ich z.B. den Reha-Berater der örtlichen Bundesagentur für Arbeit) nicht zu getraut wurde. Oft habe ich tatsächlich länger dafür gebraucht und manchmal habe ich einen zweiten Anlauf benötigt; so habe ich zum Beispiel während des letzten Bezirks- und Landtagswahlkampf zwei Prüfungen versiebt, da ich damals zwar nicht als Kandidat, aber als sehr aktives Kreisvorstandsmitglied meinen Fokus zu sehr auf die Politik und zu wenig auf das Studium gelegt habe. Nach der Wahl bin ich dann von meinem Kreisvorstandsposten zurückgetreten und habe so die Prüfungen und mein restliches Studium doch noch bestanden.

Natürlich gibt es sicher auch Leute, die sich während ihres Studiums politisch super stark engagieren und trotzdem Bestnoten schreiben. „Jeder Mensch ist einzigartig“, so der fromme und zweifelsohne richtige Leitspruch unserer pluralistischen Gesellschaft.

Diese Einzigartigkeit bedeutet eben auch, dass Menschen sich unterscheiden in dem, was sie alles gleichzeitig aufnehmen, verarbeiten, umsetzen und sonst irgendwie leisten können. Wenn ich die Eingangsfrage „Hat der Behinderte nicht genug mit sich selbst zu tun?“ mit einem beherzten JA beantwortet habe, so eben aus der Gewissheit heraus, dass andere Kandidat:innen sicher mehr leisten können, vielleicht auch effizienter, klüger, evtl. gewiefter sein werden als ich.

Was aber auch sicher ist, jeder und jede hat irgendwo Grenzen; keiner kann alles gleichzeitig, kann überall gut sein. Gerade im Wahlkampf scheinen die Politgrößen omnipräsent zu sein. Da tauchen dann z.B. plötzlich Spitzenpolitiker auf den Wagnerfestspielen in Bayreuth auf, von denen man dachte, sie hätten mit Oper so viel am Hut wie der Metzgermeister mit dem veganen Streetfoodfestival. Auch für die Bewerber:innen auf den hinteren (Listen-)plätzen gilt natürlich, sehen und gesehen werden. Und ja … die ein oder andere Veranstaltung, die ich in den letzten Wochen und Monaten besucht habe, hätte ich bestimmt nicht besucht, wenn ich kein Kandidat bei der Bezirkswahl wäre.

Aber genauso wie es für die Politiker:innen (und die, die es werden wollen) eine Tugend ist sich zu präsentieren, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit, als super schlau und kompetent darzustellen, sollte es eben auch eine Tugend sein, Grenzen und Einschränkungen transparent zu machen, freilich ohne sich völlig zu entblößen oder in selbstmitleidiges Jammern zu verfallen.

Da meine Einschränkungen doch teilweise sehr offensichtlich sind, habe ich genau dies hier versucht. Ich hoffe, dass ist mir (zumindest halbwegs) gelungen…

Auf einen spannenden, aber fairen Wahlkampf und hoffentlich ein sehr starkes grünes Ergebnis am 08.Oktober!


[1] Diesen Text habe ich schon vor fünf Wochen begonnen zu schreiben, dann kamen mir aber so viele andere Sachen (beruflich, politisch, privat) dazwischen, dass ich ihn heute erst fertig stellen kann.

[2] An dieser Stelle: Ja jeder Mensch ist irgendwo „behindert“; nicht alle Behinderungen sind sichtbar, zum teil sind sie nicht einmal vernünftige quantifizierbar, dennoch behaupte ich einfach mal doch deutlich mehr behindert zu sein als der Durchschnittsmensch.

[3] Also Menschen die Aufgrund ihrer Einschränkungen nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt, sondern in einer WfbM arbeiten.

[4] Natürlich ist mir bewusst, dass meine Chancen als Listenkandidat ohne Stimmkreis äußerst minimal sind; dennoch denke ich das hier einmal durch.

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