
Heute begehen wir in Deutschland unseren Nationalfeiertag, den “Tag der deutschen Einheit”. Bekanntermaßen tun sich bei uns GRÜNEN viele Leute sehr schwer mit so Dingen wie Patriotismus und Nationalstolz. Auch ich halte eine gesunde Skepsis gegen allzu überschwänglichen Nationalgefühlen für absolut vernünftig und geboten. Es benötigt gar nicht den Verweis auf unsere grauenvolle Geschichte und das Menschheitsverbrechen der Schoah, nein es genügt ein Blick in die weltpolitische Gegenwart, um zu sehen, dass eine Überhöhung von Volk oder Nation schnell in die Katastrophe führt.
Gleichwohl, wenn wir schon nicht stolz auf “unser Deutschland” sein können, so können wir m.E. dennoch dankbar und zufrieden sein. Dankbar, dass vor knapp 34 Jahren auch die zweite Diktatur auf deutschen Boden ohne Blutvergiesen geendet ist, dass uns die Einheit geglückt ist und dass wir seitdem in einer – doch im historischen Vergleich – überaus wohlhabenden, friedlichen und solidarischen Gesellschaft leben. Natürlich gilt: Besser geht immer und auch das Erreichte zu erhalten kostet viel Mühe und Anstrengung. Gerade die Krisen der letzten Jahre und der rasante Aufstieg der in großen Teilen rechtsradikalen und staatszersetzenden AfD, zeigen, dass “Einigkeit und Recht und Freiheit” keine gottgegebenen Selbstverständlichkeiten sind.
Vielleicht sollten wir heute deshalb auch ein bisschen darüber nachdenken, was Deutschland eigentlich ausmacht. Friedrich Merz hat vor einigen Wochen den Satz geprägt “Nicht Kreuzberg ist Deutschland, Gillamoos ist Deutschland”. Dieser Ausspruch ist natürlich nicht nur faktisch falsch, sondern auch unglaublich dumm; er zeigt aber – immerhin – auf die intellektuelle Herausforderung, der sich Politiker:innen m.E. stellen müssten, wenn sie über Deutschland nachdenken:
Deutschland ist eben immer auch Beides: Hippe Großstadt und beschauliche Provinz, Zugewanderte aus der ganzen Welt und schon ewig Alteingesessene, soziales Brennpunktviertel und noble Villengegend, alternative Prideparade und traditioneller Trachtenumzug. Hier die verbindende Klammer darum zu finden und gleichzeitig die globalen Krisen und Herausforderungen im Blick zu behalten, ist sicher nicht immer leicht und ich denke, dass auch wir GRÜNE hier oft scheitern.
Das Versprechen „Einigkeit und Recht und Freiheit” ist deshalb in meiner Lesart ein Arbeitsauftrag, ein Arbeitsauftrag in erste Linie an die Politik, aber natürlich auch an uns alle die wir hier leben und diese Gesellschaft – auf welche Art und Weise auch immer – mitgestalten.
In diesem Sinne, Ihnen und euch allen einen schönen 3. Oktober …