Ein halbes Jahr danach – ein persönlicher Rückblick auf die Bezirkswahl 2023 (Teil 1)  

Eines der zwei Plakate, die ich mir als Erinnerung „an damals“ aufgehoben haben.

Heute sind die Wahlen zum bayerischen Landtag und zu den bayerischen Bezirkstagen genau ein halbes Jahr her. Zeit für einen kleinen persönlichen Rückblick, bei dem ich selbstverständlich nur einige Aspekte herausgreifen kann. 

Aspekt 1: Wie habe ich das nur alles geschafft letzten Sommer? 

Es war von Anfang an klar, dass ich als Listenkandidat keine auch nur annähernd realistischen Aussichten hatte in den Bezirkstag einzuziehen. Dennoch war es mein persönlicher Anspruch im Wahlkampf “alles” oder zumindest “ziemlich viel” zu geben. Ich habe das Votum für meinen Listenplatz in einer Kampfabstimmung nur knapp erreichen können, nachdem ich bei der Abstimmung um die Direktkandidatur sehr deutlich geschlagen wurde. Bei beiden Abstimmungen hatte ich mit Birgit Schmitt (die, die Direktkandidatur klar für sich entschied) und Patricia Caspar (die beim Votum für die Liste mir nur knapp unterlag), sehr lebenserfahrene und im besten Sinne des Wortes kluge Mitbewerberinnen; Ich bin beiden sehr dankbar, dass die Zusammenarbeit während des Wahlkampfes und danach, trotz der vorherigen Wettbewerbssituation, immer eine sehr Positive war und sie mir meine Bewerbung “als Würzburger” im KV Schweinfurt nie nachgetragen haben1, sondern im Gegenteil mich mitunterstützt haben. 

Gleichwohl war dieses nur ganz knapp gewonnene Votum mit ein Grund für mein selbstbewusstes, vielleicht sogar trotziges “JETZT ERST RECHT”. Und so habe ich ziemlich alles mitgenommen was geht. Ich war (mit meinen Mitkandidierenden) auf diversen Kirchweihen und sonstigen Festen, habe mir eigene Plakate drucken lassen, stand an Infoständen und habe natürlich auch viel Social-Media Campainig betrieben… 

Kurz um, ich war in den letzten drei Monaten vor der Wahl, fast jedes Wochenende in Sachen Wahlkampf unterwegs. In der Schlussphase habe ich beinahe täglich einen Insta-Post “rausgehauen”. 

Aspekt 2: Ich würd´s ziemlich genau so wieder machen… 

Hat sich`s gelohnt? Mit Blick auf die Ergebnisse, ist diese Frage wohl nur mit einem klaren Nein zu beantworten. Ich will dies kurz an meinen (durch persönliche Spenden refinanzierten) Plakaten deutlich machen:  
Ich habe diese sowohl in Lengfeld, dem Stadtteil, in dem meine Würzburger Wohnung liegt und in der Großgemeinde Wasserlosen, wo meine Mutter herkommt, aufhängen lassen. In Lengfeld mit dem wahrscheinlich komplett naiven Hintergedanken, naja hier bin ich doch jetzt schon seit zwei Jahren präsent (Supermarkt, Bushaltestelle, ab und an Gottesdienst), vielleicht gibt´s Leute, die nicht wissen, was sie wählen sollen, vielleicht kreuzen sie mich an, weil sie mein Gesicht aus ihrem Alltag her irgendwie kennen. In der Großgemeinde Wasserlosen, mit dem wahrscheinlich nicht minder naiven Hintergedanken, naja meine Mutter kommt daher, zwei meiner Tanten wohnen noch dort, da kennen mich sicher einige Leute zumindest vom “Hören, Sagen” 

Schlussendlich habe ich in der Großgemeinde Wasserlosen 26 (von insgesamt 171 grünen) Listenstimmen, im Stadtbezirk Lengfeld nur 22 (von insgesamt 1071 grünen) Listenstimmen bekommen. Kurz um, den Aufwand hätte ich mir vermutlich schenken können. 
Auch was Social-Media angeht, lässt sich sicher darüber streiten, wie viel das bringt. Ich möchte behaupten, dass ich ein einziges Mal sogar einen kleinen viralen Erfolg hatte. Die örtliche CSU Bundestagsabgeordnete hat mit einer – meines Erachtens natürlich ziemlich stumpfen Polemik – die Klimapolitik der Ampel schlecht machen wollen. Ich habe eine Replik dagegen verfasst, die dann 45 mal auch von anderen Leuten mit lokaler Reichweite geteilt wurde. Das würde ich als gelungen erachten.. 

Ansonsten, naja wen interessiert`s auf welcher (natürlich einzigartigen, ganz besonderen) Kirchweih so ein “Möchte-Gern”- Politiker jetzt war? 

Aber da die KandidatInnen von CSU (Funk, Giesübel, seltener auch Remelé) und die von der SPD, jedes Dorffestchen maximal medial ausgeschlachtet haben, wollte ich meine Timeline natürlich auch mit entsprechendem Content füttern. 

Es ist jetzt auch nicht so, dass diese Feste-Hopperei nur lästig ist; Ich denke, dass die Politiker (Schweinfurt hatte und hat ja mit Paul Knoblach auch einen grünen MdL, mit dem ich dann oft zusammen unterwegs war), schon das ein oder andere für ihre Arbeit nützliche Gespräch dort führen. Gerade als eher unbekannter Bewerber, der eigentlich nur zum Liste auffüllen, da ist, kommt man auch schon mit der ein oder anderen lokalen Persönlichkeit ins Gespräch, zu der sich sonst kein Kontakt ergeben hätte. 
Aber es ist eben auch viel oberflächlicher Smaltalk dabei…  
Wichtig ist es, vor allen Dingen sich rechtzeitig um ein Selfie (mit möglichst viel Prominenz) zu bemühen. 

Gleichwohl, wenn man (oder Frau) sich umso ein Mandat bewirbt, dann gehört es sich m.E. maximal präsent zu sein, Gesicht zu zeigen. Aus der Erfahrung vorheriger Wahlkämpfe, weiß ich, dass es für Aktive an der Basis nichts Frustrierenderes gibt, als wenn jemand antritt, dann nach der Listenaufstellung merkt, dass es eh nicht für den Einzug reicht und sich alsbald rar macht. Dies wollte ich auf jeden Fall vermeiden und ich denke, das ist auch mir gelungen. 
Deshalb würde ich, wenn ich noch irgendwann mal für so ein Amt antrete, genauso handeln wie in diesen Monaten, auch wenn vieles objektiv betrachtet, vermutlich nutzlos war, da sich die meisten Menschen, dann doch nicht für die einzelnen Kandidaten oder politische Details interessieren, sondern ihre Wahlentscheidung vielmehr nach lang vorher festgelegten Präferenzen oder aufgrund medialer Stimmungen treffen. 

Aspekt 3: Der grüne Wahlk(r)ampf und seine Besonderheiten… 

So zufrieden ich mit dem Wahlkampf in Schweinfurt war, so ernüchternd war für mich der Wahlkampf auf Bezirksebene und in Würzburg. Vorweg möchte ich anführen, dass ich alle Mitkandidierenden für sich, als sehr kompetent und engagiert wahrgenommen habe. Entsprechend begeistert war ich auch, als wir (die Kandidat:innen für den Bezirkstag) damit begangen, aufbauend auf die Arbeit aus den vorangegangenen Legislaturperioden ein Wahlprogramm zu schreiben. Doch schon bei den Sitzungen zu Erarbeitung dieses Wahlprogramms merkte ich eine leicht angespannte Stimmung. Vielleicht wurde uns dragischer Weise zum “Verhängnis”, dass wir besonders viele Leute auf unserer Liste hatten, die sich mit den sehr speziellen sozialpolitischen Themen, die auf Bezirksebene verhandelt werden, sehr gut auskannten. So gab es manche hitzige Diskussion um Details, bei der ich trotz intensiver Bemühungen nicht ganz verstanden habe, worum es da jetzt genau geht. 
Ob es uns etwas gebracht hätte, wenn wir manche Debatte ums Detail zu Gunsten einer offensiveren Öffentlichkeitsarbeit uns erspart hätten, weis ich nicht. Am Ende geht es im Wahlkampf natürlich darum, sich und seine Inhalte zu vermarkten. Dabei ist der Grat zwischen aktiven Auftreten und lästigen Anbiedern meines Erachtens ein durchaus schmaler. Ich habe seinerzeit die Schweinfurter CSU dafür kritisiert, dass sie auch Kinderspielplätze für Wahlwerbeveranstaltungen nutzt. Selbst hatte ich einmal eine Situation, bei der ich anfangs zwiegespalten war, ob das jetzt eine gute Aktion ist oder ins Aufdringliche / Übergriffige abgleitet: Zirka zwei Wochen vor der Wahl, hieß es, dass im Würzburger Grünen Büro noch zahlreiche Bezirkswahlprogramme in leichter Sprache über wären und man nicht wisse, wie diese bis zum Wahltag sinnvoll eingesetzt werden können. Da ich in dieser Woche Urlaub hatte, beschloss ich ein Teil dieser Wahlprogramme in diversen Wohnheimen für Menschen mit Behinderung (vulgo: Behindertenheime) zu verteilen. Ich hatte schon ein wenig Bedenken, ob das so gut ankommt, da so kurz vor knapp einfach aufzuschlagen. 
Doch dort, wo ich persönlich empfangen wurde, war der Kontakt ausnahmslos sehr freundlich und herzlich. Mag sein, dass mir bei diesen Werbegängen meine eigene Behinderung zu Gute kam; dennoch ist es für mich ein ermutigendes Beispiel, dass es sich lohnt als Wahlkämpfender “raus zu den Leuten” zu gehen und nicht nur am Infostand zu warten das Leute auf ein zu kommen (und häufig nur ihren Frust mal mehr mal weniger kontrolliert raus lassen). 
Natürlich lebt ein Wahlkampf nicht nur von den Kandat:innen, sondern auch von der Parteibasis. Auch hier war es für mich ernüchternd festzustellen, dass Würzburg als Unistadt zwar insgesamt viele Grüne Parteimitglieder (meines Wissens nach über 400) hat, diese aber sehr ungleich über die Stadt verteilt sind. So ist 2023 nicht nur das Jahr, an dem die Würzburger Grünen ihr Landtagsdirektmandat an eine eher mittelmäßige und vor allen Dingen durch populistische Ausrutscher auffallende CSU-Politikerin abgeben mussten, sondern auch das Jahr in dem sich der Ortsverband meines “Heimatstadtteils” Lengfeld (immerhin knapp 11.000 Einwohner) defacto auflösen musste, weil sich nach zwei Wegzügen nicht mehr genug Aktive fanden, um einen Vorstand zu besetzen. (An dieser Stelle auch ein Dank an die wenigen Lengfelder Grünen, die mich ebenfalls sehr gut unterstützt haben) 
Es würde hier den Rahmen sprengen den Wahlkampf des Landesverbandes (als federführende Organisation) umfassend bewerten zu wollen; Nur so viel: Die Aussagen auf den vom Landesverband vorgegebenen Wahlplakaten fand ich ausgesprochen schwach und substanzlos2. Auch die starke Fokussierung auf die beiden oberbayrischen Spitzenkandidat:innen, Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, möchte ich in Frage stellen, da beide, meiner Wahrnehmung nach, doch eher ein jüngeres, städtischeres Publikum ansprechen und nicht die breite der bayerischen Grünen abbilden. 

So bleibt zu konstatieren, dass das von der Parteiführung euphemistisch “als historisch zweitbestes Wahlergebnis” gefeierte Resultat, nicht nur ein realer Verlust ist, sondern – und das haben mir meine oben geschilderten Erlebnisse gezeigt, eben auch darauf verweist, dass sich Grüne außerhalb des traditionellen Kernmilieus doch schwertun, in der Breite Fuß zu fassen. 

Mit dieser leicht bitteren Bilanz will ich den ersten (wieder sehr lang gewordenen) Teil meines Rückblicks beenden. Zweiter Teil folgt in den nächsten Wochen, irgendwann…  

  1.  Nur als Fußnote bemerkt: Es gab auch vereinzelt Mitglieder im KV Schweinfurt, die schon etwas sauer waren, dass ein Würzburger für sie auf der Liste kandidiert. Noch heute ist mir im Ohr, wie ich als es bei der Aufstellungsversammlung, um die Frage ging, ob ich nach der verlorenen Kampfabstimmung, für das danach zu vergebende Listenvotum kandidieren wolle, von einem politischen Schwergewicht des Kreisverbandes angeraunzt wurde: “Na Stefan, willst Dir jetzt nochmal ne Abfuhr holen”. Natürlich sind solche Angriffe nicht schön, jedoch muss ich zugeben, dass ich selbst sicher auch vom Typ her jemand bin der schon auch mal parteiintern gut austeilen kann. Deshalb will ich mich nicht beschweren.  ↩︎
  2. “Wähl Klima statt Krise”, “Wähl Kinder eine Zukunft”, “Wähl gleichen Lohn” alles Aussagen die m.E. erst einmal vom Betrachter kontextualisiert und entschlüsselt werden müssen. Stände da “Wähl besseren ÖPNV”, “Wähl weniger Unterrichtsausfall”, “Wähle bessere medizinische Versorgung” oder ähnliches, wäre gleich ein konkretes Thema benannt gewesen, so war es m.E. wieder mal typisch grün: sehr abstrakt.  ↩︎

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