
In ihrer Erzählung “ein Himmel voller Schweigen” rekonstruiert Julia Gilfert die unheilvolle Geschichte ihres Großvaters Walter Frick und dessen Schwester Hedwig. Beide sind künstlerisch hochbegabt. Walter studiert klassische Musik und steht am Beginn einer Dirigentenkarriere als die NS-Zeit hereinbricht. Hedwig die nach ihrem Kunststudium begonnen hat als Lehrerin für Zeichnen und Kurzschrift zu arbeiten, verliebt sich in einen SS-Soldaten, heiratet diesen und zieht mit ihm nach Oranienburg, wo dieser –inzwischen im Range eines Obersturmführers – schließlich Leiter des Nachrichtenzeugamtes am KZ Sachsenhausen wird. Während Hedwig die steile Karriere ihres Mannes als Hausfrau und Mutter begleitet, stürzt Walter beruflich ab. Er bekommt keine Anstellungen mehr als Musiker und zerbricht an der Angst zur Wehrmacht eingezogen zu werden. Schließlich veranlasst Hedwigs Mann seine Einweisung in eine Nervenheilanstalt, wo er alsbald dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer fällt und unter nicht mehr rekonstruierbaren Umständen ermordet wird. Julia Gilferts Buch ist ein Werk voller Kontraste. Hier die zarte, intellektuelle Welt der klassischen Musik, in der Walter sich bewegt, dort die grausame und immer brutaler werdende Gesellschaft des dritten Reiches, in welche Hedwig als Frau eines SS-Offiziers hineinwächst. Einfühlsam beschreibt Julia Gilfert nicht nur die ganze Palette individueller Sorgen, Ängste, Nöte und Hoffnungen, die ihre Vorfahren in der Zeit des Nationalsozialismus durchlebten, sondern vermittelt auch einen guten Eindruck vom gesellschaftlichen Klima, in diesem totalitären Faschistenstaat, etwa wenn sie beschreibt, wie es in der sogenannten “Mütterschule” für die Frauen zukünftiger SS-Kader, die Hedwig besuchte, wohl zugegangen sein mag.
Was Julia Gilferts Werk so besonders macht, ist dass sie neben der Geschichte ihres Opas Walters und seiner Familie, auch ihre eigene Gegenwart setzt. Sie berichtet von der Frage und dem Traum vom fehlenden Opa, die im späten Teenageralter aufkommen und letztendlich zu einer jahrelangen Recherche nach Spuren des Opas quer durch Deutschland führen.
Julia Gilferts Erzählung ist an vielen Stellen sehr intim, jedoch ohne ins voyeuristische oder gar exhibitionistische abzugleiten. Ein großer Anhang mit Quellen ist der Erzählung beigefügt; Obgleich die Autorin nicht den Anspruch erhebt, eine exakte und bis ins letzte Detail recherchierte Reportage zu verfassen, wird deutlich, wie wichtig es ihr ist, sich dem realen Geschehen von damals möglichst genau anzunähern und diesem dadurch gerecht zu werden.
Die lebendige und einfühlsame Sprache Gilferts, machen das Buch – trotz vieler Szenenwechsel innerhalb der Geschichte – zu einem leicht lesbaren Werk und einem literarischen Genuss, mit vielen sehr emotional berührenden Momenten.
Absolute Leseempfehlung!
Das Buch ist 2022 im Utraviolett Verlag erschienen und kostet 18,80€