Die Grünen und ihre Zumutungen – eine bittere Notwendigkeit?

Über die Voraussetzungen von grüner Politik

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich versucht ein holzschnittartiges Bild des Antigrünen, so wie er (oder sie) mir bei unzähligen Gelegenheiten begegnet ist, zu zeichnen. Der Antigrüne ist, wie bereits beschrieben, im Allgemeinen kein schlechter Mensch; er (oder sie) hat eine grundsätzlich sehr sympathische Sicht auf das Leben: Ärmel hochkrempeln, nicht lange fragen, einfach machen und dann sich etwas aufbauen, es „zu etwas bringen“, sich etwas gönnen. In seiner Seele tief verwurzelt ist die Mentalität des Wirtschaftswunders, des Fortschritts durch Leistung und Konsum. Seine Eltern haben ihm versprochen, dass er (oder sie) „es mal besser haben soll“.

Warum also diesen grundsympathischen Menschen sein Schnitzel in der Kantine madig machen? Warum ihm den Urlaubsflug und den Sprit fürs eigene Auto verteuern? Warum ihn mit Missernten und humanitären Katastrophen in der Subsahara oder im mittleren Orient belästigen?

Warum es ganz ohne „Umerziehung“ nicht geht

Letztendlich sind die Antworten auf obige Fragen alle hinlänglich bekannt. Jedes Kind lernt heute in der Schule, dass Fleischkonsum – neben den ethischen Fragestellungen, die jede*r für sich selbst beantworten muss – eine ganze Reihe von Umweltproblematiken mit sich bringt.

Es gibt tausende Zeitungsartikel über die Schädlichkeit des Flugverkehrs und über die vielen negativen Konsequenzen des schwermotorisierten Individualverkehrs; es ist ja beileibe nicht nur das Thema „Klimaschutz“ das hier eine Rolle spielt (Feinstaub, Parkraumversiegelung etc.).

Auch bedarf es keines allzu hohen Abstraktionsvermögens, um zu erkennen, dass wenn es irgendwo auf der Welt zu größeren humanitären Katastrophen kommt – ganz gleich ob jetzt durch politische Entscheidungen oder durch Naturereignisse hervorgerufen – diese früher oder später mit mehr oder weniger großer Intensität überall auf der Welt, also eben auch hier in Deutschland, durchschlagen (Flüchtlingswelle !!!).

Deshalb befürchte ich, dass es eben NICHT ausreicht nur über die Reduktion von Treibhausgasen, die Vermeidung von Plastikmüll, die Entsiegelung von Flächen, die gerechte Verteilung knapper werdender Ressourcen etc. pp. zu diskutieren. Vielmehr muss es auch darum gehen, wie ein grundsätzlicher Mentalitätswandel erreicht werden kann; ja letztendlich auch darum, wie ein Stückchen – ACHTUNG ganz böses Wort – Umerziehung bewerkstelligt werden soll.

Um es einmal plastisch zu machen, will ich hier einen Schwenk in die Sozialpolitik wagen: Kein vernünftiger Mensch würde in der Öffentlichkeit damit angeben, dass er*sie öfters mal beim Arzt übertreibt (der Rücken, Kopfweh … was auch immer), um länger krankgeschrieben zu werden oder wieder einmal auf Kur zu kommen. Ebenso werden Prahlereien, man hätte bald genug Gutachten zusammen, um frühverrentet zu werden, – völlig zurecht – als Frechheit und Unverschämtheit gegenüber der Allgemeinheit empfunden.

Es gilt der Grundsatz, dass man anderen nicht zur Last fällt, dass man für sich selbst sorgt. Auch ich persönlich habe versucht mir diesen Grundsatz zu Eigen zu machen und zum Beispiel meine Studien- und Berufswahl daran zu orientieren. So sinnvoll und richtig diese Haltung im Sozialbereich für das Bestehen unserer Sozialsysteme und letztendlich unseres Staatswesen als Gesamtes ist, so nötig wäre sie auch im Bereich des Umwelt- und Ressourcenschutzes.

Den von interessierter Seite angestoßenen Flugschamdebatten zum trotz, kein Mensch muss sich heute dafür ernsthaft irgendwo rechtfertigen, dass er dreimal im Jahr in Urlaub fliegt (Ja auch erschreckend viele Grüne fliegen, wenn man so manchen Umfragen trauen darf, sehr viel zum Vergnügen in der Welt umher). Das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese und die schicke Familienkutsche davor gelten als die Lebensziele des bürgerlichen Mittelstandes schlecht hin, jegliche Kritik daran ist von Natur aus dringend verdächtig linke Neiderei zu sein.

Das leidige Problem mit dem Wachstumsstreben – Skizzen eines Lösungsversuchs

Der aus diversen Fernsehsendungen sehr bekannte Physikprofessor und Naturphilosoph Harald Lesch bemerkt in seinem äußerst lesenswerten Buch „Die Menschheit schafft sich ab“, dass dem Menschen durch die Evolution „richtig tief im Gehirn verankert wurde, das Wachstum etwas Gutes sei“ (Lesch;   S.112); zum Beleg verweist Lesch dabei darauf, wie es dem Menschen gelungen ist innerhalb von nur 10.000 Jahren sich die ganze Erde scheinbar zu unterwerfen und komplett nach seinem Gusto zu gestalten.

Und es stimmt ja auch: Das ein Großteil der Menschheit zu jeder Jahreszeit alle möglichen Nahrungsmittel im Überfluss zur Verfügung hat ist unbestreitbar positiv. Genauso wie es unbestreitbar positiv ist, dass viele Krankheiten, die vor 100 oder gar 50 Jahren noch sicher zum Tod geführt hätten (etwa – weil es mich selbst betrifft – Diabetes), heute therapier- oder sogar heilbar sind.

Insofern ist eine grundsätzliche Ablehnung von Wachstum und Fortschritt, wie sie von manchen radikalen Utopist:innen vereinzelt auch innerhalb der Grünen gefordert wird, nicht nur unsinnig sondern in letzter Konsequenz im Einzelfall sogar menschenfeindlich. (Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die grüne Ablehnung von Gentechnik in der Medizin, die im Grundsatzprogramm von 2020 zurecht korrigiert wurde, aber den Grünen (ebenfalls zurecht) noch bei passender Gelegenheit und oft mit viel Polemik verpackt vorgehalten wird.)

Was es also braucht ist eine grundsätzliche, aber konsequente Differenzierung zwischen positiven Fortschritts auf der einen und zerstörerischem Wachstums auf der anderen Seite. Schon allein dies dürfte oftmals verdammt schwer werden. Sicher kann eine solche Differenzierung auch nie statisch und abschließend sein, sondern muss, wie das Beispiel der gentechnisch veränderten Medizin zeigt, auch immer wieder überprüft und ggf. korrigiert werden.

Gleichwohl muss auf dieser Differenzierung aufsetzend, aber dann auch die möglichst rigide Ächtung dessen stehen, was als umwelt- und letztendlich auch als gemeinwohlschädlich erkannt wurde.

Konkret wird dies also bedeuten müssen, dass der oder diejenige, die Flugreisen unternimmt, Bauland versiegelt, trotz vorhandenem ÖPNVs mit dem PKW fährt uvm. sich genauso rechtfertigen muss, wie der:diejenige, die Hartz4 bezieht, Pflegegeld beantragt oder was auch immer auf Kosten der Gemeinschaft sich leistet.

Das wird eine Zumutung. Aber Sie ist meiner festen Überzeugung von bitterer Notwendigkeit und wenn es eine Partei gibt, die den Mut zu dieser Zumutung hat, dann werden es die GRÜNEN sein!

Und in meinem nächsten Blog werde ich dann mal tatsächlich versuchen, über meine achtjährigen Erfahrungen als aktives Basismitglied zu schreiben… Bis dann!

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