Über Schnee, die Fußballweltmeisterschaft und den lieben Gott…

Ein paar Gedanken am Abend des vierten Adventssonntags

Prolog:
Eigentlich wollte ich heute Nachmittag schon bloggen und ein paar kritische Worte zur Fußball-WM verlieren, da aber heute einer der immer weniger werdenden Tage war, an dem das klimatisch sehr milde Würzburg im (wenn auch nur dünnen) Schneegewand zu sehen war, entschied ich mich lieber dazu an die frische – und heute vor allen Dingen auch sehr kalte – Luft zu gehen. Deshalb gibt es jetzt noch zum Abschluss des Wochenendes ein paar dürre Zeilen und ein paar dürftige Schnappschüsse der weißen Pracht …

Irrationalität:

Der Schnee, das Knirschen unter den Füßen, der Geruch von Holzöfen, die kalte Luft beim rausgehen und der Wärmeschwall beim zurückkommen in die „gute Stube“ (oder auch nur die spärlich weihnachtlich dekorierte und ansonsten eher zweckmäßig eingerichtete WG)…. Kurzum es ist schon etwas Besonderes, etwas Heimliches; sicher auch weil es sich hier am Main auf wenige Tage im Jahr beschränkt. Gleichzeitig weiß ich natürlich, um die vielen Schattenseiten der kalten Tage. Gerade in diesem Jahr werden die Heizkosten, zwar nicht für die Mehrheit der Leute in unserem Land, aber sicher doch für einige, zum großen Problem. Ungleich prekärer ist die Lage für diejenigen, die kein Obdach haben und auf der Straße leben müssen; jedes Grad weniger erhöht, die Gefahr des grausamen Kältetods. Das die Mobilität bei Schnee und Eis, einiges an Gefahren und Unsicherheiten mitbringt, merke ich als Gehbehinderter selbst bei jedem Schritt…

Objektiv betrachtet hat also die „weise Pracht“ keinerlei Nutzen und nur Nachteile für mich und die meisten meiner Mitmenschen[1]: Dennoch finde ich es schön und es rührt was in mir an, dass ich nur schwer erklären kann und zu dem ich schon gar keinen rationalen Zugang finden mag.

Hier nun entdecke ich die Parallele zum Wesen des Profisports und insbesondere des Profifußballs: Es ist rational nicht zu erklären, warum manche Menschen im Laufe ihres Lebens tausende, vielleicht sogar zehntausende Euro für Merchandise Artikel, Stadiontickets, Fanclubs etc. ausgeben, obwohl sie die Spieler, denen Sie da zu jubeln gar nicht kennen, obwohl Sie selbst in einigen Fällen, sei es aus Gründen von Behinderung oder allgemeiner Unsportlichkeit niemals selbst richtig gekickt haben…

Einer meiner Religionslehrer, hat den Besuch eines Stadions mit dem Besuch eines Gottesdienstes verglichen (es gibt Gesänge, die Protagonisten tragen bestimmte Kleider (Trikots, Kutten, Messgewänder), es gibt einen Pokal bzw. eine Hostienschale, die das Allerheiligste symbolisiert).
Mir hat sich dieser Vergleich sehr stark eingeprägt.

Wenn es über Sportgroßveranstaltungen im allgemeinen und jetzt über diese – bei uns in Deutschland  hochumstrittene[2] – Fußball-WM im besonderen geht, fehlt mir vorgelagert zu den sicher berechtigten und kontroversen Debatten um die Menschenrechtssituation im jeweiligen Gastgeberland, die grundlegende Diskussion darüber, welchen Sinn und Zweck dieser Profisport hat. Schafft er wirklich so viel Verbindendes? Ist es ein Stück Kultur? Gehört Profisport, wie Literatur, Kunst und Musik zu unserem kulturellen Leben dazu? Oder ist es nur übler Kommerz? Opium für das Volk? Reichtum für einige wenige, die den Süchtigen das Geld aus der Tasche ziehen?

Ich will diese provokanten Fragen hier nicht diskutieren, verweise nur darauf, dass ich als Kindergartenkind mal „Bayernfan“ war und dass ich mit elf Jahren, als ich ins Internat kam, wegen eines Zivis, der mir sehr imponierte auch mal ein paar Wochen „Dortmundfan“ war…. Aber eigentlich merkte ich recht schnell, dass Fußball mich langweilte.
Klar habe ich die WMs und EMs geguckt und die Stimmung (Heim-WM 2006, Südafrika 2010), die im Internat immer sehr ausgeprägt war, genossen. Aber mehr war nicht.


Die Fahnen gehören zu WM, wie der Schnee zu Weihnachten

Die Irrationalität sportlicher Großveranstaltungen, wird wohl am ganzen „Bohei“ drum herum deutlich. Wenn sich die besten 32 Fußballteams der Welt irgendwo treffen, um den Besten der Besten zu ermitteln, dann ist das zunächst einmal eine genauso rationale Angelegenheit, wie die Ermittlung der Nobelpreisträger, das Ausspielen der Schach WM, das Benchmarking an der Börse etc. Es geht ums Kräfte messen, Wettbewerb, Bestenauslese.

Aber zu glauben, es ändere irgendetwas am Ergebnis, wenn ich mich hunderte oder tausende Kilometer vom Ort des Geschehens mit Trikot und Deutschlandfähnchen auf die Couch setze, juble und fluche, ist doch komplett GAGA, dennoch machen genau das WM für WM Millionen von Menschen.  

Hier schließt sich der Kreis zum Schnee und zum bevorstehenden Weihnachtsfest. Genauso wie Fahnen, Trikots, Vuvuzelas und vieles mehr zu einer gelungenen WM gehören, steht auch der Schnee (neben Plätzchen, Christstollen und vielem anderen) für ein gelungenes, ja geradezu „perfektes“ Weihnachtsfest.

Dabei weis eigentlich Jede*r, dass der Schnee mit der Botschaft von Weihnachten so viel zu tun hat, wie die Bengalo mit der Performance der Nationalelf. Vielmehr ist die sogenannte „Weise Weihnacht“ eine romantisch verklärte Erfindung von reiselustigen Briten aus der frühen Neuzeit.

Dennoch: Emotional gehört beides eben irgendwie zusammen. Es ist irgendwo tief verwebt im Empfinden und Erleben mit drin…

Warum Weihnachten mehr ist als Fußball…

Wenn vom Fußball, der ganze Fankult und das ganze drumherum abgezogen wird, bleibt ein relativ schnödes sportliches Kräftemessen zweier Mannschaften übrig. Wenn von Weihnachten nicht nur der selten gewordene Schnee, sondern auch die Plätzchen, die Geschenke, die Adventsmärkte mit all ihren Verführungen abgezogen würden, dann sähe auch Weihnachten ganz anders aus. Glanzlos, eine abenteuerliche Geschichte von einer Teenie-Schwangerschaft aus längst vergangener Zeit, heute kaum noch zu begreifen.

Aber und da kommt jetzt der große Unterschied zum Profisport, Weihnachten ohne das „Drumherum“, den ganzen Bohei, wäre eben nicht schnöder, es wäre im Gegenteil sogar wesentlich komplexer und schwieriger zufassen.  Die biblische Botschaft von der Menschwerdung Gottes, übersteigt zumindest meinen Verstand, aber ich kann mich ihr intellektuell nähern. Jedoch Bibelstudium ist trocken und zäh; eine noch so gute Predigt in der Adventszeit oder am heiligen Abend, kann nicht so sättigen wie ein Plätzchenteller oder ein gutes Stück Christstollen.

Deshalb versuche ich in den Tagen um Weihnachten immer ein bisschen von Beiden mitzunehmen: Das emotional-sinnliche und das rational-intellektuelle.

Und wer weiß, vielleicht steckt auch im Profisport mehr vom letzteren, als dass ich es mit meinen bescheidenen Mitteln und Fähigkeiten erfassen kann.

In diesem Sinne eine schöne restliche Adventszeit und frohe Weihnachten


 [SM1]https://www.zeit.de/entdecken/2021-12/schnee-weihnachten-2021-wetter-geschichte

[1] Anders natürlich bei Wintersportler*innen und ja als Kind / Jugendlicher bin ich natürlich auch Schlittengefahren, wofür die Schneemenge der letzten Tage allerdings kaum reicht.

[2] In vielen anderen Regionen der Welt, scheint die Diskussion über Rechte der LGBTQ*-Community in Katar und die Beurteilung der Arbeitsbedingungen, als übergriffig ggü. Dem Gastgeber angesehen zu werden. (Aus Zeitgründen ohne Quelle)

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