Gedanken zum Neujahr 2023

Die Zeit „zwischen den Jahren” ist klassischerweise, die Zeit zum „Abschalten“, „runterkommen“ und „sich sammeln“. Auch ich habe (etwas mehr als sonst „unter dem Jahr“) über mein Leben, die Welt und das große Ganze nachgedacht. Was liegt also näher, als diesen sonnigen und viel zu warmen Neujahrstag zu nutzen, um diese Gedanken in Worte zu gießen.

Schnappschuss – Der Neujahrsmorgen 2023 von meinem Fenster aus gesehen

Rückblick 2022 – sorgenvoller Teil:

Der 22.02.2022 war nummerisch betrachtet ein sehr besonderes Datum. Ob es an dem Tag besonders viele Hochzeiten gab, weiß ich nicht, da der Tag noch mitten in der Coronapandemie lag. Auf jeden Fall wird dieser Tag mir als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem Corona auch bei mir ankam. Die Pandemie selbst zog dann an mir und meinen Eltern, bei denen ich kurzfristig wieder eingezogen war[1], relativ glimpflich vorüber; wäre das Datum nicht so besonders gewesen, wüsste ich bestimmt nicht mehr, wann dieses letztendlich für mein weiteres Leben belanglose Ereignis stattgefunden hat.

Der globale Schicksalstag dieses Jahres – und wahrscheinlich sogar dieses Jahrzehnts – kam zwei Tage später, am 24. Februar 2022, als das Regime Putin die Ukraine überfiel und einen brutalen Angriffskrieg startete.

Ich erinnere mich noch gut, wie in den Tagen und Wochen zuvor gewarnt wurde, dass die russische Armee sich sammeln würde, dass besorgniserregende Militärbewegungen beobachtet wurden. Die Bilder von Olaf Scholz und anderen Staatenlenkern, die an diesem albernd langen Tisch mit Putin verhandelten gingen durch die Nachrichten.

Ich gebe zu – in meiner absolut laienhaften Einschätzung – der Weltlage, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Russland ein anderes, freies Land überfällt. Es wirkte auf mich, als tue Russland nur das, was andere Großmächte (China, die NATO) auch tun: Manöver abhalten, “Zähne zeigen“, präsent sein… Ich – und mit mir viele andere Leute, zumindest aus meinem privaten Umfeld – hatten sich schwer geirrt.

Im Nachhinein betrachtet, erinnert die Situation im Winter 2022, irgendwie stark an die im Winter 2020, als Corona aufkam: Die Nachrichten waren voll von beängstigenden Berichten aus China, von überfüllten Intensivstationen, von – zum teils auch sehr jungen Menschen – die mit hohem Fiber und stark geschädigter Lunge beatmet werden mussten, aber irgendwie „real“ wurde das Ganze erst, als auch bei uns in Deutschland die Intensivstationen voll liefen und harte Lockdownmaßnahmen verhängt wurden.

Was Corona angeht scheint das Thema im Großen und Ganzen „durch zu sein“. Die Masken sind gefallen, die Bevölkerung hat sich durchinfiziert. Beim Krieg in der Ukraine ist das Ende noch nicht in Sicht. Was noch kommen wird und welche „geopolitischen Veränderungen“ noch anstehen – es geht ja bei Weitem nicht nur um das Verhalten Russlands gegenüber de Ukraine, sondern auch um den Konflikt China-Taiwan, die arabische Welt (Iran), den Balkan und Nordafrika – ist im höchsten Maße ungewiss.

Was ich nur feststelle ist eine ausgeprägte Selektivität der öffentlichen Problemwahrnehmung;  Über die Feiertage habe ich das Buch „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“  aus dem Spätwerk (erschienen 2006) des von mir sehr geschätzten Arztes, Psychoanalytikers und Friedensaktivist Horst-Eberhard Richters (1923-2011) gelesen. Richter erörtert in diesem Buch wie es kommt, dass die Menschheit soviel Energie und höchste Intelligenz aufwendet, um Waffensysteme herzustellen, die letztendlich nur der Vernichtung ihrer selbst dienen. Richter geht sehr anschaulich auf die zugrundeliegenden Emotionen von Angst, Furcht, Ohn- und Allmachtsgefühlen ein. Bei dieser Lektüre fiel mir auf, wie wenig – trotz des Krieges – über Fragen von Sinn und Notwendigkeit militärischer Bewaffnung diskutiert wurde. Die sogenannte Zeitenwende wurde verkündet, ohne dass eine große gesellschaftliche Debatte folgte. Stattdessen ging es viel ums Klima, warme Wohnungen und gemessen an der Relevanz – noch mehr – um vermeintliche oder tatsächliche Klimaextremist:innen (ein ziemlich schräges Wort) und irgendwelche Symbole bei einer – vermeintlichen oder tatsächlichen – „Skandal – Fußball -WM“.

Die Anzahl der Probleme, die der Mensch gleichzeitig verarbeiten kann, ist eben begrenzt und das, was in der Öffentlichkeit (vulgo „den Medien“) diskutiert wird oft von zweifelhafter Relevanz.

Rückblick 2022 – beruhigender Teil

Mit steigendem Lebensalter wiederholen sich – wenn es normal läuft – die Dinge, die man schonmal erlebt hat. Das Weihnachtfest hat für einen 30-jährigen Junggesellen einfach viel weniger Zauber, als für das vierjährige Kindergartenkind; egal ob die Silvesterknallerei zum Jahreswechsel, die erste längere Radtour im Frühjahr oder irgendein beliebiges Grillfest im Hochsommer; alles ist irgendwie schonmal dagewesen, wurde schon zigmal in ähnlicher oder sogar fast gleicher Weise durchlebt.

Besonders bewusst ist mir dies letzten Sommer geworden, als ich Gast auf einer Geburtstagsfeier an den Würzburger Mainwiesen war; die Würzburger Mainwiesen des Jahres 2022 (egal ob linksmainisch am Ufer der Zellerau oder rechtsmainisch am Ufer der Sanderau) unterscheiden sich praktisch nicht von der Heidelberger Neckarwiese des Jahres 2008, auf der ich mit den Leuten aus meiner damaligen Internatsgruppe so manchen Sommernachmittag / abend zugebracht habe.

Junge Leute, soweit das Auge reicht. Es wird gefeiert oder sich einfach nur auf irgendeine Decke gefläzt; manche haben ganze Picknickkörbe dabei, andere nur eine Flasche Wasser.  Pärchen turteln, StudentInnengruppen diskutieren, hie und da ist auch jemand alleine nur mit sich und seinem Buch oder seinem Smartphone beschäftigt.

Kurzum, es herrscht Leben; unbeschwert, leicht, scheinbar frei von Sorgen. Das Leben, wie es so vielleicht nur in einer großen Unistadt stattfindet, zeigt sich von seiner Sonnenseite.  Natürlich die Stunden der völligen Unbeschwertheit, des reinen, unverfänglichen Genusses, sind kurz. Doch auch das normale, gewöhnliche verliert durch Zeit und wachsende Routine, an Schwere und an Unbehagen.

Ich schreibe – aus guten Gründen – wenig über mein berufliches Leben. Da ich im Sommer, aber den Job gewechselt habe, jetzt nach sechs Monaten halbwegs eingearbeitet bin und auch sonst so allmählich das Gefühl habe, nach spätem Abitur und langer Studienzeit jetzt einigermaßen mit den Anforderungen des Arbeitslebens vertraut zu sein, nur soviel: es ging – zumindest in meinem bisherigen Berufsleben – eher selten darum, mit supertollen Einfällen irgendwelche hochkomplexen Problemstellungen zu lösen. Vielmehr geht es meist darum, irgendein Procedere, dessen Einzelschritte trivial, aber in der Summe dann eben doch anspruchsvoll sind, strukturiert abzuarbeiten. Das alles erfordert vor allem Erfahrung und Routine, die letztendlich m. E. nur durch Ausdauer und Geduld zu erwerben sind.

Ausblick 2023 – hoffnungsvoller Teil

Natürlich wird auch 2023 für die meisten Menschen wieder die ganze Klaviatur der Gefühlslagen rauf und runter spielen. Es wird (hoffentlich) einiges an schönen Momenten geben, sicherlich viel Banales, Gewöhnliches, Mühseliges, aber letztendlich gut zu Bewältigendes und leider auch einiges an Traurigem, Ärgerlichen, Wütend machenden.

Am letzten Tag des alten Jahres, ist mit dem Papst Benedikt XVI, einer der großen Denker unserer Zeit verstorben. Ich weiß zugegebenermaßen sehr wenig über die Theologie dieses großen, wenn auch erzkonservativen Mannes, aber seine Aufforderung zur „Entweltlichung“ ist vielleicht ein guter Schlüssel, um mit den Hochs und Tiefs, die da auch in 2023 wieder kommen werden, besser umzugehen.

Auch wenn es den eigentlichen religiösen Kontext, dieser kirchenpolitischen Aufforderung sicher nicht trifft; aber die Strategie sich innerlich abzugrenzen, trotz aller Krisen und Konflikte (im großen Weltpolitischen, wie im kleinen Privaten) das Angenehme und Schöne zu suchen, sich INNERE Rückzugsräume  (im Glaube, in der Musik, der Literatur oder wo auch immer) zu schaffen, ist sicher eine gute und vernünftige Idee.

Und das schreibe ich trotz des Bewusstseins, dass ich mich immer wieder über Dinge aufrege, die die Energie des sich Echauffierens letztendlich nicht lohnen.

In diesem Sinne, Ihnen und euch allen ein frohes neues Jahr 2023…

Am Anfang ist alles Überfordernd und viel zu viel, aber mit der Zeit geht es dann „leichter von der Hand“ und wird gewöhnlich.


[1] Das Thema “Wohnen“ ist für mich zu privat, um es auf meinen Blog oder sonst wo im Netz auszubreiten. Nur so viel: Seit Juli lebe ich nach quälend langer Suche(wieder) in eine WG, die für mich eine ganz gute Zwischenlösung darstellt.


 

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